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Die Kunstschätze von Notre-Dame: Was wurde gerettet, was nicht

Ansichtssache
16. April 2019, 10:56

Die gotische Kathedrale ist kunstgeschichtlich von großer Bedeutung – nicht allein wegen ihrer Rosenfenster

Die Kathedrale Notre-Dame in Paris ist eines der bekanntesten Gebäude der Welt. Aber auch aus kunsthistorischer Perspektive ist der Kirchenbau von großer Bedeutung. Als eines der großen Kulturdenkmäler des Kontinents beherbergt die gotische Kathedrale auch zahlreiche Kultur- und Kunstschätze. Welche Werke finden sich in der Kirche im Herzen von Paris? Ihr Zustand nach dem Brand sowie den Löscharbeiten ist häufig noch unklar.

Dornenkrone

Aus christlicher Sicht am wichtigsten sind die Reliquien von Christi Kreuzigung. In Notre-Dame werden die Dornenkrone, ein Nagel und ein Splitter des Kreuzes Jesu aufbewahrt. Ludwig IX., auch Ludwig der Heilige genannt, hatte sie Anfang des 13. Jahrhunderts vom byzantinischen Kaiser erworben und nach Paris geholt. Seit Ende des 19. Jahrhunderts umgibt eine Hülle aus Kristall und Gold die Krone.

Die Dornenkrone umgibt eine Hülle aus Kristall und Gold die Krone.
foto: reuters/philippe wojazer

Die Dornenkrone und andere Gegenstände seien während des Brandes in Sicherheit gebracht worden und befänden sich nun im Pariser Rathaus, sagte Frankreichs Kulturminister Franck Riester am Dienstag. Ein großer Teil der religiösen und künstlerischen Schätze konnte laut Informationen gerettet werden, darunter die Tunika des Saint Louis. Die Objekte werden vorerst im Louvre untergebracht.

Während des Brandes aus der Kathedrale gerettete Objekte, nun untergebracht im Pariser Rathaus.
foto: apa/afp/thomas samson

Rosenfenster

Zu den Meisterwerken von Notre-Dame gehören die aus buntem Glas gefertigten Rosenfenster. Jenes im Querschiff ist mit etwa zwölf Metern Durchmesser eines der größten Europas. Die Rosenfenster der Kathedrale erzählen farbenprächtig Szenen aus dem Alten und Neuen Testament, darunter von der Heiligen Jungfrau Maria und Christi Auferstehung. Einige der Glasfenster – Näheres ist bisher nicht bekannt – sind aufgrund der Hitze geborsten. Genaue Berichte zum Zustand der Fenster gehen auseinander, nach neuesten Berichten sind die drei Fenster aber weitgehend unbeschädigt.

Eines der Rosenfenster von Notre-Dame.
foto: reuters

Königsgalerie

Die Königsgalerie über dem Eingang der Kirche versammelt nebeneinander 28 Statuen. Sie stammen aus dem 13. Jahrhundert. Während der Französischen Revolution wurden die alttestamentarischen Könige von Revolutionären als französische Monarchen missverstanden und manche von ihnen gewaltsam von der Fassade entfernt und mit der Guillotine enthauptet. Die heute dort stehenden Könige sind Neuinterpretationen. Sie ist weit entfernt vom Brandherd nicht zu Schaden gekommen.

Über den Portalen zieht sich die Königsgalerie über die Fassade.
foto: apa/afp/kenzo tribouillard

Wasserspeier und Chimären

Berühmt sind auch die dämonenhaften Wasserspeier (Gargoyles) an der Fassade und die Galerie des Chimères auf den eckigen Türmen. Während die Wasserspeier eine profane Funktion innehaben, sollten die Chimären – groteske Fantasiefiguren – Dämonen fernhalten. Sie sind Mischwesen mit Schnäbeln, Flügeln, Hörnern und Schwänzen. Stryga ist eines der berühmtesten. Ob und wie viel Schaden sie erlitten haben, ist noch unklar.

Stryga, eine der berühmtesten Chimären von Notre-Dame.
foto: reuters

Dachschmuck

Erst vergangene Woche wurden 16 Kupferstatuen in 50 Metern Höhe zwecks Restaurierung non der Kathedrale abmontiert. Die zwölf Apostel und vier Evangelisten hatten ihren Platz am Fuße des nun eingestürzten Dachreiters. Die Statuen stammen aus den 1860ern und werden gerade in Südwestfrankreich restauriert. Sie sind also in Sicherheit.

Per Kran wurden die 16 Statuen von Aposteln und Evangelisten schon vorige Woche abmontiert.
foto: apa/afp/bertrand guay

Skulpturen und Gemälde

Gemälde und Skulpturenschätze gibt es auch im Inneren. Zwischen 1630 und 1707 wurde die Kathedrale beinahe jedes Jahr im Monat Mai mit einem neuen Gemälde beschenkt. Nur wenige von den "Mays" genannten Werken finden sich allerdings noch in Notre-Dame, die meisten sind inzwischen verloren oder in Museen untergebracht. Von den insgesamt 76 Bildern wurden zuletzt 13 in den Kapellen der Kirche ausgestellt. Es ist von einigen Wasserschäden die Rede.

Allein 37 Abbilder der Gottesmutter zierten die gotische Kathedrale. Am berühmtesten ist eine Skulptur der Jungfrau mit dem Jesuskind im Altarraum. Sie stammt aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. Zudem befindet sich in Notre-Dame auch Nicolas Coustous zwischen 1712 und 1728 im Auftrag von König Ludwig XIV. angefertigte, marmorne Kreuzabnahme. Die großen Gemälde sowie Skulpturen in der Kathedrale sollen laut ersten Berichten nicht oder kaum beschädigt worden sein.

Nicolas Coustous Kreuzabnahme ist in dieser Aufnahme nach dem Brand unter dem leuchtenden Kreuz zu sehen.
foto: apa/afp/pool/philippe wojazer

Große Orgel

Die große Orgel auf der Westempore mit 8000 Pfeifen zählt zu den berühmtesten der Welt. Sie ist eine von insgesamt drei Orgeln in Notre-Dame. Ihre Ursprünge reichen bis ins 15. Jahrhundert zurück, im 18. Jahrhundert erreichte die Orgel ihren derzeitigen Umfang. Sie überstand die Revolutionswirren unbeschadet, weil auf ihr zeitweilig statt sakraler Musik patriotische Lieder gespielt wurden. Manche Pfeifen waren noch aus dem Mittelalter erhalten. Zuletzt wurde das Instrument vor sechs Jahren renoviert. Es soll laut Informationen nicht zerstört worden sein, manche sprechen aber davon, dass es beschädigt sei.

Die berühmte Orgel soll den Brand gut überstanden haben.
apa/afp/stephane de sakutin

Bausubstanz

Zwischen 1163 und 1345 in vier Bauphasen errichtet, spiegeln sich in der Architektur von Notre-Dame verschiedene Entwicklungen der gotischen Baukunst. Nicht nur die Länge von 128 Metern und die beiden 69 Meter hohen Türme an der Westfassade beeindrucken. Ausgefeilt ist das System der Strebepfeiler und -bögen. Sie leiten das Gewicht nach außen ab, entlasten die innen liegenden Pfeiler und ermöglichen so ein lichteres, luftigeres, schlankeres und höheres Gebäude. Im Laufe des Brandes ist ein Teil des Gewölbes vor dem Chor jedenfalls eingestürzt, vermutlich aufgrund des eingestürzten Vierungsturms. Inzwischen haben Fachleute "einige Schwachstellen" im Gebäude entdeckt. Diese betreffen vor allem das Gewölbe, also die Gebäudedecke, sagte Innen-Staatssekretär Laurent Nunez am Dienstag. "Im Ganzen hält die Struktur gut", fügte er hinzu.

(red, APA, 16.4.2019)