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Notre-Dame als Weindepot und Begegnungsstätte für Glöckner und Eiferer

16. April 2019, 14:03

Die Kathedrale wurde in der neueren Geschichte zum symbolischen Umschlagplatz von Frankreichs Wohl und Wehe

Es blieb der Aufklärung des 18. Jahrhunderts vorbehalten, aus dem Schmuckstück der französischen Gotik wenigstens farblich eine Heimstätte des Lichts zu machen. Man ersetzte noch vor 1730 die Buntglasfenster durch weißes Glas und strich die Kathedrale vorsorglich auch innen weiß.

Der lichte Friede hielt rund 70 Jahre. Die Gefolgsleute der Französischen Revolution rühmten sich weithin ihrer notorischen Gottlosigkeit. Der Übergriff, den geschworene Anhänger der Vernunft auf Notre-Dame de Paris veranstalteten, ließ das Gotteshaus wenigstens mit heilen Umrisslinien davonkommen.

Die Parteigänger der Jakobiner verwüsteten 1792 die Inneneinrichtung. Metallgegenstände und Glocken wurden kurzerhand eingeschmolzen. Einem Abriss entging Notre-Dame, ganz im Gegensatz zu einer Unzahl von Kirchen und Klöstern, die in ganz Frankreich den Revolutionswirren zum Opfer fielen. Doch weihte man den Dom dem Kult des Höchsten Wesens. In den Augen von Robespierre und Konsorten war dies eben die – auch im Deutschen Idealismus in höchstem Ansehen stehende – Vernunft.

Kathedrale als Weindepot

Die Sache mit der Vernunft hielt nicht lange vor. Nur kurzfristig wurde Notre-Dame de Paris für schnöde Zwecke missbraucht und z. B. als Weindepot genützt. Der korsische Revolutionsgewinner Napoleon Bonaparte widmete anno 1804 sein Konsulat in ein Kaiserreich um. Um seinen Anspruch vor Gott, Frankreich und ganz Europa zu befestigen, drückte er sich die Kaiserkrone in der seit 1802 wieder liturgisch genützten Kirche bezeichnenderweise selbst aufs Haupt.

1805 von Papst Pius VII. zur Basilica minor erhoben, schien Notre-Dame dem allmählichen Verfall preisgegeben – obwohl seit 1815 die wiedereingesetzten Bourbonen ausgiebig der Reaktion huldigten und die Belange der Kirche eigentlich mit Inbrunst vertraten. Der Juli-Revolution von 1830 fielen angrenzende Gebäude wie das erzbischöfliche Palais zum Opfer.

Es blieb Victor Hugos 1831 erschienenem Roman "Der Glöckner von Notre-Dame" vorbehalten, das sakrale Bauwerk frisch im Bewusstsein aller Franzosen zu verankern. Auffällig an dem im Hochmittelalter spielenden Werk sind dessen kolportagehafte Züge. Ein Narrenfest kehrt die soziale Rangordnung um.

Die Roma-Sinti-Frau Esmeralda findet in dem vom missgestalteten Glöckner Quasimodo beschirmten Gotteshaus vorübergehend Zuflucht: Ihr Feind ist die irdische Gerichtsbarkeit. Vor allem aber wird die Kathedrale zum undurchschaubaren Epizentrum sozialer Umwälzungen.

Dekorative Kulisse für die Bürger

Die Beschwörung mittelalterlicher Zustände drückt bereits einen Grundzug historistischen Lebensgefühls im 19. Jahrhundert aus: Die zu Einfluss und Reichtum gelangenden Bürger entdecken die Schauplätze mittelalterlicher Gottesfurcht neu für sich. Sie nutzen sie als dekorative Kulissen für ihre Repräsentationsgelüste. So wurde noch den Auswüchsen des modernen Tourismus mit Kolportage und Kino bereitwillig die Bahn geebnet.

Die Kathedrale auf der Île-de-la-Cité vermochte für jedermann Fremdheit und Vertrautheit zugleich auszudrücken: eine öffentliche Symbol- und Begegnungsstätte, die unzähligen Renovierungen unterworfen wurde. Die grotesken Fassadenfiguren entsprangen vielfach erst dem Ingenium nachgeborener Steinmetze.

Hier berief Philipp IV., auch Philipp der Schöne, 1302 erstmals die Generalstände ein; in diesem Gebäude beging aber auch erst 2013 der rechtsgerichtete Essayist Dominique Venner Selbstmord, indem er sich erschoss.

Der Mann protestierte auf die denkbar radikalste Weise gegen die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Frankreich und erntete dafür noch dickes posthumes Lob von Marine Le Pen. Im Land der Kathedralen kommt eben keine andere Notre-Dame der in Paris gleich. (Ronald Pohl, 16.4.2019)