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"Systempresse" und "Volksverräter": Wie viel Nazi-Jargon noch übrig ist

18. April 2019, 11:00

Das Nazi-Regime warb für sich mit einer Rhetorik der Kraftmeierei – einige seiner Begriffe leben bis heute fort

Für die verbalen Kraftmeiereien des Dritten Reichs besaß der Romanist Victor Klemperer eine Art absolutes Gehör. Die Nazidiktatur überlebte der Philologe mit sehr viel Glück und dank seiner "arischen" Frau. Über den Lärm der braunen Verlautbarungen führte er insgeheim Buch. Und weil die NS-Potentaten bis 1945 die öffentliche Sprache mit Floskeln zumüllten, spürt man noch heute die Ekelschauer, die Klemperer beim Notieren geschüttelt haben müssen.

",Volk'", schreibt Klemperer 1933, "wird jetzt beim Reden und Schreiben so oft verwandt wie Salz beim Essen, an alles gibt man eine Prise Volk: Volksfest, Volksgenosse, Volksgemeinschaft, volksnah, volksfremd, volksentstammt (...)." Sofort fühlt man sich an Bertolt Brechts Feststellung erinnert: Das Volk sei alles Mögliche, nur nicht -tümlich. Die NS-Lenker stellten die Sprache früh und nachdrücklich in den Dienst der die Gesellschaft insgesamt erfassenden "Gleichschaltung".

Der Berliner Journalist Matthias Heine hat – im Sinne Klemperers und dessen "Lingua tertii imperii" – noch einmal die Partikel jener Gossensprache zusammengetragen, mit der die Nazis vor ihren Volksgenossen und der ganzen übrigen Welt ihre Herzen ausschütteten. Der ebenso verblüffende wie lehrreiche Band Verbrannte Wörter fragt nach der Beharrlichkeit, mit der uns Bestandteile des Nazislangs noch heute über die Zunge kommen. Untertitel: "Wo wir noch reden wie die Nazis – und wo nicht". Und wenn wir auch nicht mehr "Volksgenosse" sagen, so kommt doch einigen Zeitgenossen das Wort "Umvolkung" recht unbedenklich über die mehr blauen als braunen Lippen.

Hang zum Superlativ

Zunächst einmal war Adolf Hitler und seinen Kumpanen der Schnabel nicht bloß in eine Richtung gewachsen. Die Nazis, die sich auf ihre Rhetorik Einiges zugutehielten, pflegten ihre Verlautbarungen mit Superlativen zu pflastern. Ein vulgärer Hang zur unmäßigen Bekräftigung schmückt das einschlägige Schriftgut, mehr noch das Gebrüll des Diktators. Für diesen pflegte alles "gigantisch, unerschütterlich, restlos, einmalig" zu sein.

Starkvokabeln wurden weiter ins Absurde gesteigert. Der ohnehin planetarisch tobende Krieg wurde von Joseph Goebbels zum "totalen" erklärt, "totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können".

Stellte man einerseits hingebungsvoll die eigene (vermeintliche) Stärke aus, so rührte man gegen Feinde andererseits unerbittlich die biologistische Propagandatrommel. Die Juden wurden dann zu "Schädlingen, Parasiten, Bakterien, Schmarotzern" erklärt, die auf die "Entartung" von Nation und "Rasse" hinarbeiten würden. Umgekehrt wühlten die Nazis zum Zweck der Herabwürdigung von missliebigen Bevölkerungsgruppen tief im Techniktopf. Das von ihnen beherrschte "Menschenmaterial" sollte dementsprechend "geprägt, erfasst, geformt, organisiert, eingegliedert" werden.

Mit tausend Hüllwörtern und zahllosen sachbezüglichen Hinweisen wurden von den braunen Sprachpflegern eigene Schwächen und Verbrechen bemäntelt. Autor Heine gibt sich mit der Erfassung der NS-Sprachbestände allein noch nicht zufrieden. Er spürt auch Artikel in der Zeit aus jüngst vergangenen Tagen auf. Oder er warnt sicherheitshalber vor jeder Form verbaler Unbedenklichkeit.

Das tägliche Brot der Lüge

2013 gebrauchte die liberale Hamburger Wochenzeitung zum Beispiel das Täuschungswort "Frontbegradigung", um irgendeine Sachfrage mit Blick auf die US-Staatsschulden zu klären. Das Oberkommando der Wehrmacht log mit dem "F"-Wort die eigenen Rückzüge in sorgsam geplante Aktionen um.

Umgekehrt werden von Matthias Heine einige Mythen entzaubert. Die Redensart "bis zur Vergasung" geht nicht, wie befürchtet, auf die Gräuel der Vernichtungslager zurück, sondern ist ein technisch-deskriptiver Begriff. Gleichwohl wird kein Mensch mit klarem Verstand noch von "Vergasung" sprechen. Schlimm genug: Verben wie "vernegern" oder Substantive wie "Volksverräter" werden heute, im 21. Jahrhundert, gar nicht so selten von AfD-Politikern im Mund geführt. Interessant bleibt der historische Hinweis, dass Wörter wie "Hetze" oder "Imperialismus" ihren wahren Siegeszug erst durch die DDR angetreten haben.

Am schockierendsten wirken ausgerechnet jene Bestandteile des Nazislangs, die – in den Augen Unbeleckter – noch am ehesten ein Bemühen um Sachlichkeit widerspiegeln. Hinter einem harmlos anmutenden Wort wie "Aktion" versteckten die braunen Mörder die unfassbarsten Gewalttaten gegenüber Kranken und Schwachen. Ebenso schlimm steht es um das unscheinbare Kompositum "Sonderbehandlung". Nur selten rangen sich die NS-Verbrecher zum Gebrauch von Gossenvokabular durch. Dann sprachen sie von "liquidieren" und "säubern" – und meinten damit massenmörderische Umtriebe. Obacht geben heißt es anno 2019 ohnedies bei notorischen Verächtern von "Systempresse" und "Systemparteien". (Ronald Pohl, 18.4.2019)

Matthias Heine: "Verbrannte Wörter". € 18,50 / 226 Seiten. Dudenverlag, Berlin 2019