Foto: m.ferrigato / the north face

"Überzeugende Beweise" für Lawinentod von David Lama und Hansjörg Auer

19. April 2019, 10:38

Die Einsatzkräfte und der Vater des dritten betroffenen Kletterers gehen davon aus, dass alle drei Alpinisten tot sind – Außenministerium widerspricht Ö3

Der Tiroler Extrembergsteiger und Kletterer David Lama (28) ist am Mittwoch im kanadischen Banff-Nationalpark in den Rocky Mountains mit allergrößter Wahrscheinlichkeit von einer Lawine getötet worden. Auch der Tiroler Kletterer Hansjörg Auer (35) und der bekannte US-amerikanische Bergsteiger Jess Roskelley (36) dürften verschüttet sein.

Das österreichische Außenministerium widerspricht in dem Zusammenhang der vom Radiosender Ö3 am Freitag publizierten Meldung, dass das Ableben der Alpinisten inzwischen bestätigt sei. "Das hat Ö3 falsch verstanden", sagt Peter Guschelbauer, Leiter der Abteilung für Presse und Information zum STANDARD. Laut Guschelbauer seien zwei Österreicher vermisst. Den Tod könne er allerdings nicht bestätigen.

"Strong evidence"

Laut John Roskelley, früher selbst ein herausragender Alpinist, habe sich sein Sohn Jess am Dienstagabend nicht wie abgemacht gemeldet. Roskelley habe am Mittwoch die zuständige Organisation Parks Canada benachrichtigt, die kanadischen Behörden suchten die Gegend danach mit einem Helikopter ab. "Die Einsatzkräfte haben Zeichen von Lawinen und Kletterausrüstung in den Trümmern gesehen", sagte Stephen Holeczi, einer der Sicherheitsverantwortlichen der Nationalparks, in der Nacht auf Freitag in einer Telefonkonferenz.

Weiters hätte die Hubschrauberbesatzung "überzeugende Beweise" (im Original: "strong evidence") für die Involvierung und den Tod der drei Alpinisten gesehen. Über die genaue Natur dieser Beweise wollte Holeczi aus Rücksicht auf die Familie und Freunde der Betroffenen keine Angaben machen. Auch die STANDARD-Nachfrage, ob die Beweise alle drei Mitglieder der Klettergruppe beträfen oder ob es für Einzelne vielleicht noch Hoffnung gäbe, blieb mit demselben Verweis offen.

Bergung wegen großer Lawinengefahr nicht möglich

Schon am Donnerstagnachmittag (Ortszeit) hatten die Behörden in einem Statement bekanntgegeben, dass drei nicht namentlich genannte Alpinisten "presumed dead", also mutmaßlich tot seien. Auch in der Telefonkonferenz wollten die Behörden keine Namen bestätigen, es handle sich aber um "einen US-Amerikaner und zwei Europäer". The North Face, der Ausrüster des Trios, bestätigte die Identitäten zuvor.

Eine Bergung der Verunglückten ist aufgrund der großen Lawinengefahr nicht möglich, führte Holeczi aus: "Wir warten auf ein gutes Wetterfenster, um alle Gefahren abschätzen und eindämmen zu können. Wenn es sicher ist, schicken wir Rettungsteams los." Einen Zeitplan gebe es noch nicht. Es habe sich bei der Lawine wahrscheinlich um eine der Kategorie 3 gehandelt, also einen etwa tausend Tonnen schweren Schneeabgang.

Schwierige Route zur Lawinensaison

Das Trio versuchte laut Roskelleys Vater, den 3.295 Meter hohen Howse Peak im Banff-Nationalpark in den Rocky Mountains über die schwierige Ostseite zu besteigen. Wegen starker Schneefälle in den vergangenen Tagen gab Avalanche Canada im Bereich des Banff-Nationalparks Lawinenwarnungen aus, diese galten aber nicht für das Gebiet um den Howse Peak. Der Frühling gilt in der Region generell als Lawinensaison, allerdings hielt Holeczi bei der Telefonkonferenz mehrfach fest, dass die Verhältnisse von Tal zu Tal und Berg zu Berg unterschiedlich seien.

Lamas Manager Florian Klingler konnte die Meldungen am Donnerstag weder bestätigen noch dementieren. Er habe jedoch von Bekannten Lamas derartige Befürchtungen gehört, sagte Klingler. Zudem kündigte der Manager eine Stellungnahme der Familie auf der Homepage von David Lama an. Wann diese erfolgen werde, stehe jedoch noch nicht fest. Alle drei Alpinisten hatten in den Tagen zuvor auf ihren Social-Media-Kanälen Fotos aus den Rocky Mountains gepostet.

Risiko "immer präsent"

Lama hatte nie das Risiko seiner Unternehmungen verleugnet, versuchte aber stets, es mit bestmöglicher Vorbereitung zu minimieren. "Natürlich kann eine Verkettung unglücklicher Umstände bei einem solchen Abenteuer zu einem fatalen Ausgang führen. Dieser Tatsache darf man sich nicht verschließen", schrieb er 2015 auf seiner Website. Dabei stellte er die Frage: "Wofür lohnt es sich, Gefahren einzugehen?"

Das Risiko sei "immer präsent. Maßgeblich ist, dass man hinter seinen Entscheidungen und Taten stehen kann", schrieb der Tiroler weiter. Dem STANDARD erklärte er seine Herangehensweise vergangenes Jahr so: "Es geht darum, zu hundert Prozent von seinem Plan überzeugt zu sein."

Erst im November gelang Lama im dritten Anlauf die Solo-Erstbesteigung des 6.895 Meter hohen Lunag Ri an der Grenze zwischen Nepal und Tibet. Mit 21 Jahren hatte Lama für großes Aufsehen in der Kletterwelt gesorgt, als er den 3.130 Meter hohen Cerro Torre in Patagonien als Erster ohne technische Hilfsmittel über die "Kompressorroute" bezwang.

Lama begann schon mit fünf Jahren mit der Kletterei, nachdem er einen Kurs bei Peter Habeler besucht hatte. Der Ötztaler Auer begann später, mit zwölf, und mit 20 gelangen ihm bei mehreren Expeditionen Erstbegehungen und Wiederholungen in Patagonien, Pakistan und dem Yosemite Valley in Kalifornien.

Shootingstar Auer

Als Auer 2007 die 37 Seillängen und 1.200 Meter lange Route "Weg durch den Fisch" (Schwierigkeitsgrad 7b+) in der Marmolata-Südwand in den Dolomiten als erster Mensch "free solo", also ohne Seilsicherung, durchstieg, avancierte er quasi über Nacht zum Shootingstar.

"Das war ein totaler Höhenflug, man fühlt sich fast unsterblich. Plötzlich haben sich Türen aufgemacht, die es vorher nicht gegeben hat", erzählte Auer, ein ausgebildeter Lehrer für Mathematik und Sport, 2015 dem STANDARD.

"Der heutige Alpinismus lebt hauptsächlich von der Reduktion: Klettern im Alpinstil ohne Fixseile, schnell, leicht und mit einem Minimum an Ausrüstung", sagte er. Die Idee, ohne Seil zu klettern, sei von innen gekommen, nicht von außen motiviert gewesen. Er wollte damit keine Aufmerksamkeit erregen. Immer wieder verspürte er "den Drang, eine tiefe innere Kraft, es zu tun". (Thomas Hirner, Martin Schauhuber, 18.4.2019)