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Schmerz, lass nach. Vom Scheitelknien bis zum Balletttanz

19. April 2019, 06:00

Am Karfreitag werden die Leiden Christi zu unseren Leiden. Die katholische Schmerzkultur lehrt uns das Ertragen

Dass der Schmerz in unserem Leben eine zentrale Rolle spielt, erfährt man mit fortschreitendem Alter exklusiv am eigenen Leib. Aufgrund seiner irgendwo in der Mitte zwischen Grönlandwal und Hauskaninchen angesiedelten Lebenserwartung schaut es mit der irdischen Ewigkeit schlecht aus für den Menschen.

Selbst unter besten Umweltbedingungen, bei finanzieller Abgesichertheit, in Friedenszeiten, seelisch topfit aufgestellt und mit Selbstdisziplin und viel Bewegung an der frischen Luft wird man infolge des wortwörtlich zu nehmenden Zahns der Zeit, des Blutdrucks und des Stoffwechsels oder – sehr oft im Falle alter Männer – des berüchtigten Leitersturzes nach und nach kaputt:

"Mir geht es wie dem Jesus / Mir tut das Kreuz so weh / Doch ihm tat es erst mit 30 / Mir tut es heut' schon weh." (Wolfgang Ambros, "Heidenspaß", 1973)

In unserem katholisch geprägten Kulturkreis mag zwar der zu diesem Problemfeld wie die Faust aufs Auge passende Karfreitag von der allgemeinen Akzeptanz her traditionell stiefmütterlich behandelt werden. Unangenehmes Thema, klar. Früher kamen am Karfreitag zu allem Überdruss auch noch Tanz- und Leberkäseverbot dazu. Ganz abgesehen davon: Im Ranking der christlichen Feiertage wird Weihnachten wohl auf ewig die Poleposition einnehmen. Natürlich schlagen die Geburt Jesu und die Geschenke die letzte Ölung. Noch dazu hat unter dem schrecklichen Symbol des Kreuzes ein wenig Feelgood-Feeling zwecks Teambuilding noch nie geschadet.

Durch meine Schuld ...

Wie man allerdings anhand dreier aktueller kultureller Aufreger im Land bemerken kann, geht es uns nicht nur darum, hier auf Erden zwischendurch auch einmal Freude empfinden zu dürfen. In der seit zweitausend Jahren wirkungsmächtigen christlichen Herrschafts- und Unterdrückungstradition hat sich speziell auch die Bereitschaft, den allmächtigen, weil überproportional in der dazugehörigen Kunst dargestellten Schmerz (und damit gekoppelt das Leiden) anzunehmen, tief in die gesellschaftliche DNA gebrannt. Leiden ist wichtig!

Conchita wechselt als Wurst vom Diva-Look in den schmerzkulturellen Klassiker des Sadomaso-Outfits: Dominanz, Unterwerfung, erlöse mich von dem Bösen. Andreas Gabalier beschwört im kleinkarierten Lied "Kleine heile steile Welt" das "christliche Land" mit dem "Kreuz an der Wand" – das zumindest dank Fernwärme oder Pelletheizung etwas aus der Mode gekommene "Holzscheitelknien" inklusive.

Diverse Balletttänzerinnen schließlich bekunden einmütig, dass der Tanz als ureigener Ausdruck der Lebensfreude ohne blutige Zehen, Stressfrakturen, Bodyshaming und physisches und psychisches Leid gar nicht möglich, also in Ordnung sei. Erdulden, Leiden, Durchhalten. Wir leben in einer Kultur des Schmerzes. Selbst der Begriff der Toleranz leitet sich vom lateinischen Wort "ertragen" und nicht etwa "einverstanden sein" ab. Was daran erinnert, dass es in den Evangelien heißt, dass Christus als Mensch gewordener Gottessohn eben nicht vom Kreuz herabsteigt. Oder wie es aktuell der katholisch geprägte US-Star Madonna (!!!) auf seiner Single "Medellín" auf den Punkt bringt: "Sipping my pain just like champagne."

... durch meine große Schuld

Abseits theologischer Diskussionen, ob es sich bei den Begriffen Schmerz und Leid nun etwa laut Mutter Teresa um einen "direkten Kuss des gekreuzigten Herrn" handelt oder um ein "Urgesetz des Daseins", einen "gesunden Schmerz" oder ein "Da muss man durch": Unser Umgang mit dem Schmerz bleibt ein durch und durch zwiespältiger.

(Körperliche) Schmerzen werden zum einen als Warnsignal überlebenswichtig wahrgenommen. Deren chronische Ausformung wird sehr oft dahingehend interpretiert, dass diese vielleicht auch daher rührt, dass die betroffene Person Gutes unterlassen und Böses getan habe ("Durch meine Schuld, durch meine Schuld, durch meine große Schuld ..."). Das führt dazu, dass man beim heimischen Arzt nicht etwa freigiebig mit Opioiden vollgestopft wird, sondern den berühmten, sämtlichen Errungenschaften der Pharmazeutik Widerstand leistenden Spruch hört: "Ein bisserl wehtun muss es schon, wenn man krank ist."

Zum anderen ist damit dem berühmten Sudern und Raunzen, dem Jammern und überhaupt dem aggressiven Selbstmitleid hin zur wehleidigen Empörungskultur Tür und Tor geöffnet. Können (oder müssen) Christen mehr Schmerzen ertragen als andere Kulturen? Trifft der Satz von Tankred Dorst zu, dass wir nicht der Arzt, sondern dass wir letztlich selbst der Schmerz sind? Kommen wir alle nach dem Tal der Tränen in den Himmel? Oder behält am Ende Wolfgang Ambros recht?

"Und wie der Jesus sage ich / Heiteren Gesichts / Das Leben ist ein Heidenspaß / Für Christen ist das nichts." (Christian Schachinger, 18.4.2019)