ÖNB

Ausstellung "Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur"

19. April 2019, 07:00

Die ÖNB-Schau "Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur" stellt eine merkwürdige Übung der Selbstbescheidung dar. Sie versammelt von Aichinger bis Handke viele Namen

Als Autorin oder Autor in Wien zu leben bedeutet gelegentlich auch nur, von der Stadt absehen zu können: von Wien, einer Metropole, die ohnehin dazu neigt, ihrem eigenen Klischee zum Verwechseln ähnlich zu sein. Es gab seit 1938 zum Beispiel eine Reihe von Schriftstellern, die Wien entbehren mussten, weil die eigenen Nachbarn sie aus der gemeinsamen Stadt vertrieben hatten.

Die Ausstellung Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek enthält genügend Hinweise auf ein solches unfreiwilliges Abhandenkommen. Die "Vergessenshauptstadt" bedurfte nach Beendigung der Naziherrschaft einiger äußerst selbstloser Versuche, um von ihren besten Schreibkräften als wiedererrungene Bleibe neu ins Herz geschlossen zu werden.

Es erscheint in solchem Kontext würdig und recht, dass die Gemeinde Wien 2002 Frederic Mortons autobiografischen Roman Ewigkeitsgasse für die Aktion "Eine Stadt. Ein Buch" ausgewählt hat.

Vordem vertriebene oder verfolgte jüdische Autorinnen wie Ilse Aichinger, Elfriede Gerstl oder Hilde Spiel warfen nach 1945 frische, aber auch zögerliche und vorsätzlich ernüchterte Blicke auf Wien. Und das Abtauchen in die Kanalisation der Stadt, im Museum exemplarisch vorgeführt anhand des Filmes Der dritte Mann (nach Graham Greene), schien ein probates Mittel, das Doppelleben der Wiener – mit seinen diversen moralischen Buchführungsposten – illusionslos und dennoch spannungsreich abzubilden.

Heimito von Doderers "Die Dämonen"

Auch hier leistet die Sonderausstellung, gemeinsam kuratiert von Katharina Manojlovic und Bernhard Fetz, Außerordentliches. Man stolpert über Schautafeln, über Typoskripte und Plakate, die den Glanz und zugleich das ganze heimische Elend auf den Punkt bringen: "Für mich ist es einfach eine Stadt aus würdelosen Ruinen ...", äußerte Greene übrigens anlässlich seines Recherchebesuchs 1948. Die besonders eindringliche Darstellung von Heimito von Doderers Opus magnum Die Dämonen erinnert ohnehin an die merkwürdigen Dehnungen und Streckungen, denen sich Autoren aussetzten, die ihre vormalige Parteinahme für das "Dritte Reich" übergingen, indem sie ewig-menschlich wurden.

Mit Fortdauer der Wiederaufbauzeit in Wien kommt den Ausstellungsmachern ihr Thema leider etwas abhanden. Das Ausgreifen in die Welt führt die Dichterinnen und Dichter hinaus auf die "Ödstätten". In die anno 1970 noch unkartografierte Peripherie, wo Land und Stadt oft zu beider Nachteil ineinander verschränkt waren.

Man findet in der Schau exotische Gedichte aus der Feder des Polyhistorikers Friedrich Heer; man bewundert Regionales aus der Schreibmaschine Peter Henischs. Ausgerechnet Thomas Bernhard und Peter Handke, die beiden großen Nicht- und Anti-Wiener der heimischen Nachkriegsliteratur, wollte man keinesfalls aussparen. Beide werden mit zwei Texten zum Davonlaufen, Gehen und Die morawische Nacht, gewürdigt. Beides großartige Bücher. Aber hätte man nicht z. B. ebenso gut Bernhards Wittgensteins Neffe aussuchen können?

Klaffende Leerstellen

Und so kommt man aus dem Staunen kaum heraus, was der Ausstellung alles abgeht: Es fehlen Peter Roseis erzählerische Wien-Chroniken, angefangen mit dem bürokratischen Weltuntergang von Bei schwebendem Verfahren (1973). Die kaum zu überschätzende Lyrik Andreas Okopenkos, die nach Floridsdorf duftet, bleibt komplett ausgespart.

Keine Erwähnung findet H. C. Artmanns Kult um Breitensee, wie weggefegt scheint die Erinnerung an die sensiblen lyrischen Wien-Evokationen Gerald Bisingers. Und was eine Wien-Literaturschau ohne Seitenblick auf Jörg Mauthes Die große Hitze bedeuten soll, ohne Eisenreich, Rühm (hosn rosn baa), Zand, Fritsch, bleibt einigermaßen rätselhaft. (Ronald Pohl, Stefan Gmünder, 19.4.2019)

Wie Romanlektüre Städtebilder prägt

Jede Stadt hat ein Geschlecht und ein Alter (...). Rom ist durch und durch feminin. London ähnelt einem Teenager, der sich seit Dickens‘ Zeiten nicht geändert hat. Paris hingegen ist ein Mann Mitte zwanzig, der eine ältere Frau liebt", schreibt der Schriftsteller John Berger 1987 im Essay Imagine Paris.

Und Wien?_Berger, der sich Städte gern zu Fuß erschloss und das Gesehene und Erfahrene mit den inneren Stadt-Bildern abglich, die er sich in Romanen erlesen hatte, sagt in seinem Essay nicht, wie er Wien sieht. Was für diese Stadt, in der das Verschwundene und Erträumte ebenso präsent ist wie das Reale und sich das larmoyant Sanfte mit dem unnachgiebig Harten amalgamiert, auch nicht einfach wäre. Jedenfalls wenn man für diese Stadt der Uneindeutigkeit Klischees vermeiden möchte.

Die Ausstellung Wien. Eine Stadt im Spiegel der Literatur im Literaturmuseum versucht nun, Wien als "Traumlandschaft und Erinnerungsraum als Utopie und Tatort" in den Jahren ab 1945 zu entziffern. Die Ausstellung, die aus dem Fundus der zahlreichen Autorenvor- und Nachlässe der Nationalbibliothek schöpft, verspricht vieles – und sie hält manches. So zeigen die zahlreichen Manuskripte und Exponate dem in der Schweizer Provinz aufgewachsenen Nicht-Österreicher deutlich, wie sehr das eigene Bild dieser Stadt von Literatur geprägt wurde. Von Joseph Roth zunächst, oder von Zweigs Welt von gestern.

Die Wiener Gruppe als Trojanisches Pferd

Später kamen dann Ilse Aichingers Roman Die größere Hoffnung dazu, in dem erstmals in der österreichischen Nachkriegsliteratur das Wort "Konzentrationslager" fällt. Er hinterließ – wie Ruth Klügers weiter leben – Spuren, denn es war plötzlich ein anderes Wien, andere Wiener, von denen man da las. Die Wiener Gruppe, die Sprache und den Dialekt als Trojanisches Pferd gegen die Sentimentalität ins Feld schickte, verstand man zwar nicht, las sie aber trotzdem, vor allem H.C. Artmann.

Wien als "Stadt, aus der mir die Flucht nicht gelang" (Klüger), "als schönste Stadt der Welt direkt am Lethefluss" (Robert Schindel), oder – profaner – als Ort, an dem man sich trefflich der Müdigkeit hingeben (Jandl) oder den Opernball besuchen kann (Josef Haslinger)? All das klingt in den ausgestellten Manuskripten an, deren Inhalt zuweilen so düster und opak ist wie die Beleuchtung des Museumssaals.

Die Ausstellung dechiffriert das Literatur-Wien nicht nur horizontal (Peripherie und Zentrum), sondern auch vertikal (Der Untergrund!). Viel Raum nehmen die Motive Bewegung, Grenzen und Zeitgeschichte ein. Das ist – mit dem "Blick von außen" gesehen – erhellend, aber wenig überraschend. Die Umrisse einer Stadt hinter der Stadt werden zwar spürbar, das Literatur-Abenteuer aber, das Fremde im scheinbar Vertrauten zu sehen, bleibt diesmal aus.

Ausstellung bis 16. 2. 2020, Katalog: € 22,-