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Was heißt Auferstehung?

Rezension |
21. April 2019, 18:00

Für den Historiker Johannes Fried starb Jesus nicht am Kreuz, sondern wurde nur für tot gehalten. In seinem Buch "Kein Tod auf Golgotha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus" erläutert er seine provokante Sichtweise

"Am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel." Gläubige Christen haben diese Sätze in der Regel schon viele Male gesprochen. Sie sind Teil des Bekenntnisses, das in jeder Messe wiederholt wird. Das Credo enthält alle wichtigen Wahrheiten, und die Auferstehung ist das Zentrum.

Ein ganzes mehrtägiges Fest ist ihr gewidmet, es fällt passenderweise in den Frühling, und so wird auch an diesem Wochenende wieder vielfach an dieses Wunder erinnert: dass vor zweitausend Jahren ein jüdischer Prophet namens Jeschua am Kreuz starb und zwei Nächte später "auferstand".

Was aber heißt das eigentlich genau: Auferstehung? Darüber herrscht die allergrößte Unklarheit. Mit einiger Sicherheit kann man vermuten, dass Angehörige der Jesus-Bewegung einige Zeit nach seinem Tod Erscheinungen hatten. Manche meinten sogar, dass der zuvor tote, nun wieder lebendige Jesus mit ihnen aß, und von einem Jünger geht die Geschichte, dass er seinen Finger in die Wunde legte, die ein römischer Soldat Jesus in dessen Todeskampf mit seiner Lanze zugefügt hatte.

Kohlendioxidnarkose

Für den Historiker Johannes Fried ist diese Wunde der Schlüssel zu einer provokanten Sichtweise auf die Auferstehung. Der Buchtitel gibt gleich alles preis: Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus.

Für Fried starb Jesus nicht, sondern wurde nur für tot gehalten, weil er aufgrund einer Kohlendioxidnarkose nicht mehr oder kaum mehr atmete – ausgerechnet der Lanzenstich ließ die Atmung (durch einen Pleuraerguss) wieder einsetzen, wenn auch sehr flach. Die Helfer, die Jesus später vom Kreuz nahmen, fanden einen scheintoten Mann vor, der bald wieder Lebenszeichen erkennen ließ.

Mit dieser unfallchirurgischen Hypothese beginnen die Spekulationen von Fried allerdings erst so richtig. Denn es ist eine Sache, eine Erklärung für die "Auferstehung" zu finden; eine viel schwierigere Aufgabe aber stellt es dar, diese Erklärung mit der Geschichte des frühen Christentums in Einklang zu bringen.

Hier zeigt sich das "Schriftchen" von Fried notgedrungen auf dürftigem Quellengrund oder genauer gesagt: Die Quellen sind so reichhaltig und unterschiedlich, dass man auch das daraus ableiten kann, was der deutsche Gelehrte vorschlägt. Johannes Fried ist eigentlich auf das Mittelalter spezialisiert, seine Biografie über Karl den Großen ist zu Recht ein Standardwerk.

Über die komplexen Verhältnisse in den ersten Jahrhunderten nach der Kalenderwende kann er sich nur als gebildeter Laie äußern – wenngleich mit besserem Verständnis für die Methoden der Historiker. Normalerweise würde einen dieses Verständnis eher zur Vorsicht anleiten, doch Fried hat etwas Großes vor, und wer auf einen großen Bogen aus ist, muss vieles im Detail eben ein wenig lockerer nehmen.

Der große Bogen sieht Jesus in seinem zweiten Leben nach Osten gehen. Pointiert spricht Fried sogar von einer "Emigration in den Orient". Nur ein paar Eingeweihte wussten von seinem Überleben. Die christlichen Gemeinden bekamen den Auferstehungsglauben als eine Art Kompensation für ihr Nichtwissen und machten daraus eine Weltreligion mit ausgeklügelter Dogmatik.

Jesus zog derweil noch ein paar Jahrzehnte durch die Gegend, meint Fried. Er schlägt dabei einen ziemlichen Zickzack vor, denn bei aller Tendenz nach Osten soll auch noch ein Aufenthalt in Ägypten (mit seiner Mutter, bei den Therapeuten, einer Sekte mit unklarem Hintergrund) drin gewesen sein, eine zweite Station in Jerusalem (als "Ägypter") und eine Phase im oberen Jordantal, in der Jesus wieder Wunder wirkte.

Die Scheintod-Hypothesen

Irgendwann starb er dann tatsächlich, und danach wird es für Fried erst so richtig spannend: Denn nun folgt er Jesus "in die Irrlehren", das heißt, er sucht nach Spuren der Wirkungsgeschichte in vielen Zeugnissen vor allem eines Christentums tief im Osten. Dort wurden andere Traditionen über Jesus überliefert als im Westen, wo aus dem Titel eines Gottessohns allmählich die Lehre von der Dreifaltigkeit mit ihrer anspruchsvollen inneren Wesenslehre wurde.

Im Osten galt Jesus – längst hatten sich die Vorstellungen verselbstständigt – als begnadeter Mensch, aber nicht als göttlich. Von hier ist es für Fried nicht mehr weit bis zu seinem eigentlichen Clou: Der Islam ist für ihn letztlich auch im weitesten Sinn eine "christliche Häresie". Ein wenig blauäugig gibt er dabei der Hoffnung Ausdruck, er könnte damit Kontroversen zwischen den beiden späteren Buchreligionen "entschärfen". Das wird aber mit einem impliziten Bestreiten der Geschichtlichkeit des Propheten Mohammad schwerlich gelingen.

Die Überlegungen von Johannes Fried sind im Kern und in der Tendenz nicht neu. Scheintod-Hypothesen begleiteten das Christentum und später dessen historisch-kritische Neubewertung seit der europäischen Aufklärung immer schon, und die spannende Religionsgeschichte des ostsyrisch-nordarabischen Raums bringt seit vielen Jahren immer wieder neue Erkenntnisse.

Geschichtskonstruktion

Fried ist aber vor allem auf die steile These aus. In diesem Zusammenhang ist es aufschlussreich, dass er vor allem im Islam-Kapitel seinen Kronzeugen diskret in die Fußnoten verbannt. Er bezieht sich nämlich sehr stark auf Karl-Heinz Ohlig, der vor zehn Jahren für Aufregung sorgte, weil er eben die Zweifel an der Figur Mohammed anmeldete, die Fried nun wieder aufwärmt.

Auch in einer anderen gewichtigen Angelegenheit verlässt sich Fried sehr stark auf einen wissenschaftlichen Außenseiter: Er folgt dem Dresdener Bibelkundler Matthias Klinghardt, der ein ältestes Evangelium rekonstruiert haben will, das der spätere "Irrlehrer" Marcion benützt haben soll.

Im Kern geht es bei allen diesen Fragen auch immer darum, wie jüdisch das Christentum war. In der Geschichtskonstruktion von Fried taucht ein anderes Christentum auf als das in Europa geläufigere römisch-hellenistisch-abendländische. Es ist ein Christentum, das paradoxerweise zugleich jüdischer und "orientalischer" erscheint und von dem es bis zum Islam kein großer Schritt ist.

Konkret sind diese Schritte von Gelehrten wie Angelika Neuwirth (Der Koran als Text der Spätantike) oder Glen W. Bowersock (Die Wiege des Islam, eine aktuelle, ein enormes Forscherleben zusammenfassende Neuerscheinung) sehr genau untersucht und differenziert worden. Beide fehlen im Literaturverzeichnis von Johannes Fried, und das ist mehr als nur eine lässliche Sünde.

Er kann sich aber darauf berufen, dass er eben selbst nicht als (Fach-)Historiker schreibt. Er reiht sich ein in die Entzauberer, die das Christentum immer schon begleitet haben und von denen fast alle schließlich einräumen mussten, dass es gar nicht die zentralen Glaubenswahrheiten sind, die staunen machen.

Erstaunlich ist, was der menschliche Geist im Lauf der Zeiten aus dem Rätsel gemacht hat, das sich mit einem leeren Grab in Jerusalem an einen Morgen nach einem Sabbat im Jahr 30 stellte. Johannes Fried meint zu wissen, warum dieses Grab leer war, aber sein Wissen führte ihn zu verwegenen Vermutungen. Manche Christen werden vielleicht denken: Da kann ich ja gleich an die Auferstehung glauben. Was immer damit gemeint ist. (Bert Rebhandl, 21.4.2019)

cover: c.h. beck

Johannes Fried, "Kein Tod auf Golgatha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus". € 19,95 / 190 Seiten. C. H. Beck, 2019

Bert Rebhandl, geb. 1964 in OÖ. Er studierte an der Universität Wien Germanistik, Philosophie und katholische Theologie; er lebt heute als freier Journalist (u. a. "FAZ", STANDARD) in Berlin.