Foto: Signa / Julie Brass

Parkapartments am Belvedere: Panoramablick in Beige

20. April 2019, 13:00

Die Parkapartments Belvedere wurden von Großmeister Renzo Piano entworfen. Von dessen raffinierter Leichtigkeit ist in dieser Wertanlage wenig zu spüren

"Stararchitekt? Ein furchtbarer Begriff!" Renzo Piano verzieht das Gesicht, macht eine abwehrende Geste. Dann greift er in seine Jackentasche und zieht einen Bleistift heraus. "Das hier ist unser Instrument. Architekt zu sein ist ein ernsthafter Beruf. Es geht darum, Orte für Menschen zu schaffen. Architektur ist nicht nur einfach eine Geste. Star – das hat etwas Frivoles, und das hat mit dem Planen von Gebäuden nichts zu tun. Ich hoffe, der Begriff Stararchitekt verschwindet bald!"

Ganz so bald wird der Begriff nicht verschwinden, denn der Investor des Gebäudes, in dem der italienische Architekt sitzt, wirbt selbst damit: "Was entsteht, wenn in zentrumsnaher Lage einer Metropole ein internationaler Stararchitekt Wohnraum entwirft? Etwas Einzigartiges! Ein traumhafter Blick über die Dächer von Wien. Sogar bis zum Horizont – bei den exklusiven SELECTION-Wohnungen der PARKAPARTMENTS AM BELVEDERE." So das enthusiastische Intro einer Hochglanzbroschüre, die potenzielle Käufer der 342 Apartments anspricht.

Wald aus Säulen

85 Prozent der Wohnungen sind bereits verkauft. Neben State-of-the-Art-Ausstattung wie Waschsalon, Fitnessraum, Digital Concierge und Gemeinschaftsraum mit Terrasse dürfte hier wohl vor allem die Lage den Ausschlag gegeben haben: zwischen Hauptbahnhof, Arsenal, Schweizergarten und dem namensgebenden Belvedere gelegen, mit entsprechendem Fernblick.

Das heißt: Nicht ganz, denn die unteren Geschoße fehlen, stattdessen balancieren die Apartments auf einem Wald aus dünnen Säulen. Eine Hommage an die Bäume des Schweizergartens, wie es heißt. Dass sich Apartments in Augenhöhe mit einer vielbefahrenen Bahnstrecke wohl weniger gut verkaufen lassen, dürfte den Verzicht auf diese Geschoße eventuell erleichtert haben.

Geheimnis des Ortes

"Es geht darum, das Geheimnis des Ortes zu finden", erklärt Renzo Piano. "Architektur ist Wissenschaft, Konstruktion, Technologie, Gemeinschaft. Sie ist auch Poesie, mit einem Sinn für Licht und Leichtigkeit. All das braucht Zeit – wie ein Wald, ein Fluss oder eine Stadt." Zeit brauchte es auch, bis der heute 81-jährige sein erstes Bauwerk in Österreich eröffnen durfte, nämlich gut zehn Jahre.

Anfangs vom Bauträger Seeste Real Estate GmbH entwickelt, wurde das Projekt 2014 für 200 Millionen Euro an René Benkos Signa Holding verkauft. Ein gutes Investment: 2015 wurde der Quadratmeterpreis mit 4000 bis 5000 Euro beziffert, für die letzten freien Wohnungen muss man heute in etwa das Doppelte hinblättern.

Dass Renzo Piano den Begriff des Stars, allen Werbebroschüren zum Trotz, von sich weist, wirkt durchaus glaubwürdig. Schließlich war der Pritzker-Preisträger des Jahres 1998 in der Liga der Weltberühmten schon immer einer der Integersten, eine Mischung aus Gentleman und Tüftler-Ingenieur. Seine Bauten vermeiden das Vordergründige und Modische. Er zerlegt sie in ihre Bestandteile – Säule, Wand, Dach, Fenster – und fügt sie dann wieder zu einem Ganzen zusammen.

Sieg der Leichtigkeit

Das mit Richard Rogers entworfene Centre Pompidou, das ihn 1977 berühmt machte, vermittelte bunten Spaß an der Technik, hippieske Träume von freien Räumen trafen hier auf die Intelligenz des Ingenieurs. Ein Sieg der Leichtigkeit über das Schwergewichtige, und diese prägt seine Bauten bis heute .

Sicher, das gelingt mal besser, mal weniger gut. Dort, wo die Auftraggeber nach dem Ikonischen verlangten, wie der Staat Katar beim 2012 fertiggestellten Wolkenkratzer The Shard in London (lokaler Spitzname: "Mordor"), ließ auch die Leichtigkeit zu wünschen übrig.

Dafür sind seine zu Recht gerühmten Museumsbauten wie das Menil in Houston oder die Fondation Beyeler in Basel von zeitloser Eleganz und Freundlichkeit, und Projekte wie das zurzeit in Bau befindliche Gesundheitszentrum in Uganda mit seiner Lehmfassade und seinem Fotovoltaik-Dach zeugen von einem Glauben an den Beitrag von Architektur zu einem besseren Leben. Der geplante Neubau der 2018 eingestürzten Autobahnbrücke Ponte Morandi in Genua zeugt von ungebrochener Lust am Konstruktiven und von Loyalität zu seiner Heimatstadt an der ligurischen Steilküste, wo er heute noch – neben Paris und New York – seinen Bürositz hat.

Sein Büro nennt sich Renzo Piano Building Workshop, was auf das Kollektive der dortigen Arbeitsprozesse verweist. "Kreativität ist wie ein Wunder", sagt Piano. "Wenn wir uns im Büro zusammensetzen, ist es am Ende unmöglich zu sagen, wer die ausschlaggebende Idee hatte. Wir debattieren, argumentieren und zeichnen, und am Schluss steht ein komplexes Ergebnis, das der Realität des Ortes so nahe wie möglich kommt. So etwas macht man nie allein."

Grau-beiger Durchschnitt

Wie nahe kommen die Parkapartments nun der Wiener Realität? Vor allem von Westen gesehen wirken die vier Türme (drei für Apartments, der vierte für ein Hotel) wie eine hohe, geschlossene Wand, eine grau-beige Steilküste. Ein Farbton, der an das Interieur amerikanischer Hotelketten erinnert.

Es ist ein Grau-Beige des globalen Durchschnitts, das niemandem wehtut. Eine Fassade für die Immobilienmessen, mit dem marktimmanenten Widerspruch aus behaupteter Einzigartigkeit und tatsächlicher Austauschbarkeit: Sie passt zum Stadtrand von Moskau, zum Themse-Ufer in London oder nach Hongkong. Grau-Beige lässt sich, anders als Grün oder Terrakottarot, auch noch in 20 Jahren ohne Renditeverlust weiterverkaufen. Es ist eine marktstabile Fassade.

Dass von Renzo Pianos südlicher Verspieltheit und Feingliedrigkeit hier wenig zu spüren ist, dass die glasbewehrten Balkone wie nachträglich addiert wirken, dürfte den Wert nicht mindern. Ohnehin ist die Fassade das geringere Asset: Die Parkapartments prunken vor allem mit ihrem in der Tat großartigen Ausblick auf Wien. Die Unverbaubarkeit dieses Ausblicks schafft Vertrauen in die Wertanlage und macht dieses eigentlich kaum bebaubare Zwickelgrundstück zwischen Bahngleisen und Straße zu einer Premium-Lage.

Barriere der Bahntrasse

Bleibt die Frage: Wenn die Stadt als Kulisse den Mehrwert für ein Gebäude schafft, was gibt das Gebäude im Gegenzug der Stadt zurück? "Die Transparenz des freien Erdgeschoßes!", antwortet Renzo Piano. "Zugegeben: Der Raum ist nicht öffentlich, aber der Blick und das Licht sind es. Wir haben den Investor sogar überzeugt, etwas Geschoßfläche einzusparen, damit abends die Sonne unter dem Gebäude bis in den Schweizergarten scheint. Hätten wir den Bau bis zum Boden gezogen, würde er eine Barriere bilden."

Ob diese Offenheit des Erdgeschoßes die noch bestehende Barriere der Bahntrasse nebenan ausgleicht, darf allerdings bezweifelt werden. Die Käufer der Wohnungen werden es – auch dank schallisolierter Fenster – verschmerzen. Wien darf sich nun mit dem ersten Renzo-Piano-Bau schmücken. Dass es genau dieser geworden ist, darf man diskret bedauern. (Maik Novotny, 20.4.2019)