Foto: Munoz/APA

Das zweitgrößte gotische Kunstwerk nach "Notre-Dame"

21. April 2019, 08:00

Robert Smith, der erhabene Jammerlappen von "The Cure", wurde am Ostersonntag 60 Jahre alt

Wer von Robert Smith sprechen möchte, muss mit der Absurdität beginnen. Die erste Single von The Cure erschien 1978 und hieß "Killing an Arab". Vorwürfe, er würde mit dem munteren Stück New Wave die Muslims verhöhnen, konnte der damals noch nicht 20-jährige Smith mit Proben seiner stupenden Belesenheit entkräften: Er habe sich lediglich von Albert Camus‘ "Der Fremde" inspirieren lassen. Camus beschrieb in seinem Roman u.a. die Notwendigkeit, sich von der Absurdität der menschlichen Existenz nicht überwältigen zu lassen.

Robert Smith, ein junger Südengländer mit unreinem Teint, nahm in den darauffolgenden Jahren die trostlosesten Platten des zu Ende gehenden Industriezeitalters auf. Mit Liedern, die wie sattgefressene Raubkatzen mit hängenden Lefzen durch undurchdringliche Nebel schlichen.

Wer jemals auf der Suche nach der Verflossenen durch den Wald gestolpert ist, wird "A Forest" (auf dem Album "Seventeen Seconds", 1980) nie vergessen. Die Pointe der Unterweltreise liegt auf der Hand und sollte jedem Orpheus ins Stammbuch geschrieben werden: "The girl was never there".

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Herrscher der Finsternis

Buben weinen nicht: Smith nahm in den darauffolgenden Jahren etliche Kilos zu und vor allem eine stolze Anzahl unsterblicher Platten auf. Alben wie das in Schwaden von Tränengas eingehüllte "Faith" oder das vor autoaggressiver Zerstörungslust berstende "Pornography" festigten "Fatbobs" Ruf. Pornography begann mit der Zeile: "It doesn’t matter if we all die…" Gitarrist Smith wurde zum Herrscher der Gothic-Bewegung ausgerufen, von der er selbst nichts wissen wollte.

Smith war und ist Melancholiker. Als solcher unterschied er sich schon Anfang der 1980er grundlegend von etlichen Brüdern im Geiste. Man denke an die Stilikonen im Großraum Manchester: Ian Curtis von Joy Division beging 1980 Selbstmord. Ein trotziger Bariton, der Gedichte über Epilepsie (sein eigenes Leiden) und soziale Isolation vertont hatte. Mark E. Smith, ein nicht auf den Mund gefallener Dockarbeiter, schmökerte ebenfalls Camus. Er nannte seine Postpunk-Unternehmung The Fall folgerichtig nach einem Camus-Buchtitel.

Rüstige Hexe

Robert Smith hingegen hüllte seinen mächtigen Leib in weite, schwarze Gewänder. Auf seinem Kopf wächst bis heute ein großzügiges Haarnest, ausreichend genug, um einer Familie von Haubentauchern Platz zu bieten. Smiths grellroter Mund gleicht einer Amfortas-Wunde, die sich nicht schließen will. Die größte Leistung dieses Großfürsten der Finsternis besteht nicht allein darin, dass er wie eine noch im reifen Alter voll im Erwerbsleben stehende Hexe aussieht. Robert Smith, der am Ostersonntag 60 Jahre alt wird, zeigt, wie es um das Durchhaltevermögen aller Sensiblen bestellt sein muss.

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Der Melancholiker nimmt die Einsamkeit, von der die anderen nichts wissen wollen, offen auf sich. Er hat die Sinnlosigkeit alles Irdischen bis auf den Grund durchschaut. Das Allgemeine ist ihm nicht persönlich genug. Der Genuss, den ihm die Überhöhung des eigenen Egos bereitet, ist wiederum für die Allgemeinheit von geringer Bedeutung.

Robert Smiths erhabenes Jammern geleitet hunderttausende Menschen sicher durch die Verzweiflung. 2019 wird ohnehin das Jahr von The Cure: Ein neues Album soll erschienen, Bob gibt mit seiner Band reihenweise Konzerte. Er nimmt uns, wie gewöhnlich, auf den Arm: "In the death cell /A single note / Rings on and on and on…" ("All Cats Are Grey", 1981). (Ronald Pohl, 21.4.2019)