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Müssen wir wegen des Klimas alle Veganer werden? Es würde auf jeden Fall helfen

12. Mai 2019, 14:00

Wer aufhört, Fleisch zu essen, spart im Schnitt fast eine Tonne CO2 pro Jahr ein. Ich liebe Fleisch und sorge mich ums Klima – ein Widerspruch?

Der vergangene Sommer hat es gezeigt, der Klimawandel ist da, und Bauern sind von Dürren und extremer Hitze besonders betroffen. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft aber selbst einer der Sektoren, die Klimaforschern starke Kopfschmerzen bereiten, weil vor allem Rinder stark zur Erhitzung der Erde beitragen. Anders als bei Autos oder Strom gibt es keinen einfachen Weg, die Emissionen zu reduzieren. Solange wir Fleisch essen, bleiben sie hoch. Ich liebe Fleisch und sorge mich ums Klima – ein Widerspruch?

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Furzen und Rülpsen ist unter Rindern nicht verpönt.
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Das mit dem Fleisch und der Klimakrise ist schnell erklärt: Wiederkäuer, relevant sind hier vor allem Rinder, furzen und rülpsen, dabei entsteht Methan, das die Erde bedeutend stärker erhitzt als etwa CO2. Ihr Futter wird auf Äckern angebaut, die gedüngt werden, bei Kunstdünger kommt Lachgas in die Luft, das die Erhitzung noch stärker anfacht, Gülle enthält ebenfalls Methan und CO2.

Zu Rülpsern und Dünger kommen noch die Böden. Die speichern eigentlich Kohlenstoff, werden sie unachtsam bewirtschaftet, kommt aber CO2 in die Atmosphäre.

Beim Düngen entweicht klimaschädliches Lachgas.
foto: apa/dpa-zentralbild

Was heißt das für das Klima? Die bisher umfassendste Berechnung ist von Joseph Poore von der University of Oxford: Die Landwirtschaft ist global für 26 Prozent der menschgemachten Erderwärmung verantwortlich. In Österreich sind es neun Prozent, andere Länder heben den Schnitt. Für Menschen sei ein Umstieg in der Ernährung auf nichttierische Produkte einer der größten Hebel, einen Beitrag zum Klima zu leisten, sagt Poore. Was, wenn sich die ganze Welt morgen vegan ernähren würde?

Wir bräuchten drei Milliarden Hektar weniger Fläche (minus 76 Prozent), sieben Milliarden Tonnen weniger CO2 (minus 49 Prozent), und die Belastung der Flüsse, Meere und Böden würde sich halbieren. Poore schreibt, dass Konsumenten deshalb viel mehr beitragen könnten als Agrarbetriebe. Überlässt man die nicht mehr gebrauchten Äcker dann noch der Natur, verdoppelt sich die positive Wirkung.

Sorgt für immer mehr Proteste: der Klimawandel.
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Die ganze Welt wird nicht vegan leben, wollen wir aber die Klimakrise eindämmen, muss die Landwirtschaft einen Beitrag leisten. "Wie wir Lebensmittel produzieren, ist entscheidend dafür, ob die Klimaziele von Paris erreichbar sind", schreibt eine Reihe an Wissenschaftern in einer großangelegten Studie zum Thema. Das hat einen einfachen Grund: Um unter zwei Grad zu bleiben, dürfen wir 2050 eigentlich keine Treibhausgase mehr ausstoßen.

Weil das insgesamt de facto unmöglich ist – beim Fliegen oder Produzieren von Stahl oder Zement gibt es derzeit keine Alternativen –, dürfen manche Sektoren weiter einiges an Klimagasen ausstoßen. Dazu gehört die Landwirtschaft: Die Emissionen sollen zumindest nicht weiter steigen, ist das Ziel. Um netto auf null zu kommen, kann man dann Bäume pflanzen oder anders CO2 binden.

Ist das realistisch? Nun ja, Wissenschafter prognostizieren bis 2050 einen Anstieg der Emissionen in der Landwirtschaft um 87 Prozent. Weil die Weltbevölkerung wächst und sich mehr Menschen so wie wir im Westen ernähren, mit viel Fleisch, Milch und Eiern. Und jetzt?

Klimaforscher fordern: Wir müssen mehr Gemüse essen.
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Es kann sich nicht die ganze Welt so ernähren wie wir. Für diese Aussage braucht es keine Wissenschafter, das ist längst ein Allgemeinplatz. Eine Welt, die sich gegen die Erwärmung stemmt, muss ihre Ernährung umstellen, heißt es in einer Studie von 37 Forschern aus 16 Ländern. Sie haben so etwas wie einen Ernährungsplan für die Welt erstellt: hauptsächlich Gemüse, Obst, Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte, Nüsse und ungesättigte Fette.

Der ist nicht nur gut für das Klima, sondern auch für uns, wir würden gesünder und länger leben. Schlechte Ernährung tötet auf der Welt mehr Menschen frühzeitig als Rauchen, Drogen, Alkohol und ungeschützter Sex zusammen. Ab und zu Meeresfrüchte, Hühnchen und ein wenig Rind- oder Schweinefleisch sind noch drinnen, schreiben die Forscher.

Teigtascherl mit Pilzen: Vegane Küche ist gut fürs Klima.
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Hängt der erfolgreiche Kampf gegen die Klimakrise wirklich davon ab, dass wir uns alle großteils vegan ernähren? Ist es so hoffnungslos?

Nicht nur. Agrarbetriebe können besser auf Böden achten, effizienter düngen und durch fortschrittliche Technik die Produktivität erhöhen, also mehr auf gleicher Fläche produzieren, so die Industriestaatenorganisation OECD. Ohne eine Steigerung der Produktivität bräuchten wir für die Landwirtschaft bis 2050 zusätzlich die doppelte Fläche Indiens, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, schreibt das World Resources Institute. Mehr Äcker und weniger Wiesen wären schlecht fürs Klima.

Wie ist es in Österreich? Besser. Die Emissionen in der Landwirtschaft sind seit 1990 um 13 Prozent gesunken, einerseits weil es weniger Tiere gibt, aber auch weil weniger intensiv gedüngt wird. "Da hat sich sehr viel getan", sagt Martin Gerzabek von der Boku. Seit einiger Zeit nehme auch die organische Substanz im Boden – der Humus – wieder zu. "Wir haben 20 Prozent bio, und auch konventionelle Bauern arbeiten viel nachhaltiger." Es wird also Kohlenstoff gebunden: gut für das Klima.

Tut noch zu wenig gegen den Klimawandel: die Landwirtschaft.
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"Wir brauchen mehr davon. Die Landwirtschaft kann mehr zur Milderung des Klimawandels beitragen", sagt Gerzabek. In der Klimastrategie der Regierung kommt sie aber erst gar nicht vor. Im Papier steht nur, Emissionsreduktionen seien hier besonders schwierig. "Wir müssen dort ansetzen, wo die Emissionen steigen und hoch sind", rechtfertigt das Daniel Kosak, der Sprecher von Umweltministerin Elisabeth Köstinger (ÖVP). Darum lege man den Fokus auf Verkehr und Gebäude.

Aber selbst wenn alle Bauern und Agrarbetriebe auf der Welt nachhaltiger wirtschaften, ist das Grundproblem das gleiche: Rinder rülpsen und furzen. Irgendwann fliegen wir vielleicht elektrisch über den Atlantik. Ob ich das noch erlebe – ich bin 28 –, ist unklar. Was ich definitiv nicht erlebe, ist, dass wir viel Fleisch essen, ohne die Erde zu erwärmen.

Pro Kopf stoßen wir in Österreich zehn Tonnen CO2 im Jahr aus. Wer sich vegan ernährt, spart knapp eine Tonne. Damit ist die Welt nicht gerettet: Hin- und Rückflug von Wien nach Lissabon gleicht das schon wieder aus. Aber es ist einer der mit Abstand stärksten Hebel, die wir individuell haben. Für mich ist es nichts – das habe ich schon vergangenes Jahr entschieden. Ich habe im Oktober probeweise einen Monat vegan gelebt und fand es lehrreich, aber nicht so toll.

Soll so wie echtes Fleisch schmecken: der Impossible Burger.
foto: apa/afp/robyn beck

Am Würstelstand mit Freunden Brot mit Senf zu essen macht nicht sehr viel Spaß. Dass ich das nicht durchziehe, habe ich schnell entschieden. Etwa nachdem ich mir nach Wochen eingestanden habe, dass Hafermilch wirklich nicht besser schmeckt als Kuhmilch. Vegan? Nichts für mich.

Vielleicht wird es künftig ja einfacher: In den USA soll es Ende des Jahres in allen Burg-King-Restaurants den Impossible Burger geben – mit veganem Patty. Schmeckt und sieht aus wie Fleisch, ist aber aus Wurzeln von Sojabohnen gemacht. Beyond Meat, ein anderer Anbieter, ist gerade an die Börse gegangen und mittlerweile vier Milliarden Dollar wert.

Vegan muss auch gar nicht sein. Der von Forschern ausgearbeitete klimafreundliche Ernährungsplan für die Welt sieht Flexitarier als Zukunftsmodell: Fleisch gibt es nur mehr selten, dann schmeckt es dafür besonders gut. Damit kann ich leben – und die Erde auch. (Andreas Sator, 12.5.2019)

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