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Biodiversität ist eine Frage des (politischen) Willens

Kommentar der anderen |
12. Mai 2019, 16:00

Zeitgemäße Landwirtschaft kann die Artenvielfalt schützen. Österreich könnte hier ein Vorbild für Europa sein – wenn es nur will

"Wir brauchen ein neues Naturverständnis", fordert Gutsbesitzer Maximilian Hardegg im Gastkommentar. Das Thema Biodiversität müsse nicht nur in den Lehrplänen stärker verankert werden, sondern auch auf die politische Tagesordnung.

Es liegt im ureigenen Interesse von uns Landwirten, den Verlust von Biodiversität zu stoppen, denn diese ist Zeugnis für gesunde Böden, eine reiche Natur und intakte Lebensräume. Eine Landwirtschaft auf der Höhe der Zeit muss Rücksicht nehmen auf Artenvielfalt – und kann Hervorragendes leisten. Auf dem Gut Hardegg kümmern wir uns seit Jahrzehnten um Biodiversität und haben ein Vier-Säulen-Modell entwickelt, das auf jeden anderen Landwirtschaftsbetrieb übertragbar ist:

Erstens werden die Feldkulturen nach ihrem Wert für Vögel beurteilt, etwa hinsichtlich ihres Insektenreichtums; auf unzeitgemäßes Mulchen verzichten wir. Zweitens gibt es eine Vielzahl von Futterstellen für Feldvögel. Drittens werden Lebensräume und Rückzugsorte für Tiere geschaffen, etwa in Form von Biotopen und Windschutzstreifen. Viertens wird durch die Lebensraumbetreuung dafür gesorgt, dass ein Gleichgewicht zugunsten der Artenvielfalt erhalten bleibt.

Neue Wege für Europa

Vergangenen Juli habe ich dieses Konzept an die Politik übergeben, als Fachbeitrag zur österreichischen Ratspräsidentschaft. Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bedankte sich für das "interessante Konzept" und versprach, es an die Fachstellen weiterzuleiten. Praktische Maßnahmen für mehr Biodiversität konnten so ins Bewusstsein der EU-Spitze getragen werden, wenngleich es naiv wäre zu glauben, alles ginge leicht von der Hand.

Die neue Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU wäre geeignet, Artenschutz zur Priorität zu machen und Europa als globales Vorbild zu positionieren. Allerdings setzt dies ein bewusstes Umdenken voraus: Landwirte sollten dazu motiviert werden, spezifische Leistungen für Artenvielfalt zu erbringen und zu dokumentieren – weg vom Problemträger, hin zum Ermöglicher. Landwirte können Leistungsträger werden – ihr Leistungspotenzial in den Bereichen Landschaftspflege und Biodiversität ist riesig, eine faire Behandlung und Würdigung durch die Gesellschaft kann so sichergestellt werden.

Biodiversität in den Lehrplänen

In seinem Bericht fordert der Weltbiodiversitätsrat "tiefgreifende Änderungen" in der Landwirtschaft. Tatsächlich braucht es ein Umdenken und mehr Bewusstsein auf allen Ebenen, bei Landwirten genauso wie bei Politikern, sowie Verbänden und Behörden, und nicht zuletzt bei der Bevölkerung. Wir brauchen ein neues Naturverständnis!

Eine Trendumkehr wird nur dann stattfinden, wenn das Thema Biodiversität deutlich stärker in den Lehrplänen der heimischen Schulen und Universitäten verankert wird und auf der politischen Tagesordnung weit oben steht. Eine Landwirtschaft auf der Höhe der Zeit fördert und schafft Biodiversität, den Beweis hierfür tritt das Gut Hardegg seit Jahrzehnten an! (Maximilian Hardegg, 13.5.2019)

Maximilian Hardegg leitet seit 25 Jahren das Gut Hardegg, einen landwirtschaftlichen Familienbetrieb, und hat sich der Förderung von Artenvielfalt verschrieben.