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Reese Witherspoon in "Big Little Lies": Stepford Wife, neu aufgelegt

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13. Mai 2019, 11:15

"Big Little Lies" spielt mit dem Klischee der spießigen Vollzeitmutter – und erzählt dabei eine Geschichte über Fauensolidarität

Streamingdiensten wie Netflix ist es zu verdanken, dass auch am Serienmarkt echte Diversität den Einheitsbrei von anno dazumal zunehmend ersetzt. Lebensrealitäten von Charakteren, die ihr Dasein im besten Falle als Sidekicks weißer Mittelklasse-HeldInnen fristeten, stehen endlich im Zentrum popkultureller Erfolgsproduktionen. Vor diesem Hintergrund wirkt "Big Little Lies" wie aus der Zeit gefallen. Die 2017 veröffentlichte US-amerikanische Serie nach Romanvorlage ist in der kalifornischen Küstenstadt Monterey angesiedelt, die so idyllisch und so clean daherkommt, als würden abends selbst die Straßen feucht durchgewischt.

Zwischen den wohlhabenden, weißen Bewohnerinnen, die ihren Nachwuchs stolz im SUV zur Schule kutschieren, existiert vor allem eine Trennlinie: Vollzeitmutter oder Rabenmutter. Renata Klein (Laura Dern), Karrierefrau, kommt in der HBO-Produktion dementsprechend die Rolle der verhassten Außenseiterin zu. "Wenn ich heute Nacht durch einen Kopfschuss sterben würde, würde die Hälfte dieser Mütter sagen: Oh, konnte die Nanny nicht die Kugel stoppen?", bringt es Renata in einer Szene erbost auf den Punkt. In Monterey ist tatsächlich ein Mord passiert, in der Rückschau erzählt "Big Little Lies" die Vorgeschichte der Tatnacht.

Hinter der Fassade

Madeline Martha Mackenzie (Reese Witherspoon), Rädelsführerin einer Gruppe engagierter Stay-at-Home-Moms, steht im Zentrum der Erzählung und überstrahlt ihre Freundinnen mit Tagesfreizeit in zelebrierter Perfektion: stets der passende Blazer und Lippenstift, in der Schule ehrenamtlich aktiv, bemüht um die Fassade der immer fröhlichen Familie. So gruselig das klingen mag: Reese Witherspoon spielt Madeline mit merklich Herzblut und verwandelt die Vorzeigemutter in den heimlichen Serienstar: immer ein bisschen zu laut und zu aufdringlich, rechthaberisch und moralisch – aber niemals so unerträglich, dass die Zuschauerin sich abwenden müsste.

Madeline kämpft mit der Eifersucht auf die neue, wesentlich coolere Partnerin (Zoë Kravitz als Bonnie Carlson) ihres Ex-Mannes, bemüht sich überfürsorglich, aber aufrichtig um eine gute Beziehung zu ihren Töchtern und nimmt Jane, eine alleinerziehende Mutter, die gerade erst nach Monterey gezogen ist, unter ihre Fittiche. Schnell wird klar, dass in den schicken Villen mit Meeresblick allerhöchstens die Fassade glänzt. Den MacherInnen von "Big Little Lies" gelingt es mit einem All-Star-Cast (unter anderen Nicole Kidman als Celeste Wright), nicht nur heikle Themen wie häusliche Gewalt sensibel zu verhandeln, sondern auch die Oberschichts-Seifenoper zu entstauben und ihr einen neuen Dreh zu geben – aus jede gegen jede wird Frauensolidarität. In Staffel zwei, die in den USA am 9. Juni startet, stößt Superstar Meryl Streep zum Cast, Regie führte Andrea Arnold ("Fish Tank", "American Honey").

hbo

(Brigitte Theißl, 13.5.2019)


Info

Die Reihe "Idealbesetzung" stellt neue, alte oder zeitlose Figuren aus der Popkultur vor, die unkonventionell, emanzipatorische Rolemodels oder aus anderen Gründen besonderer Beachtung wert sind.

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