Foto: APA / dpa / Patrick Pleul

Hirschflüsterer, die auf den Wald pfeifen

Kommentar der anderen |
14. Mai 2019, 07:00

Die Wildtierfütterung ist Gift für Wild und Wald – und sie fördert den Trophäenkult. Für einen standortgerechten Mischwald sollte die Wildfütterung überlegt und sparsam eingesetzt werden

Jäger erheben die flächendeckende Fütterung von Wildtieren im Winter zum Dogma. Die Wildbiologin Karoline Schmidt hingegen will damit brechen und fordert im Gastkommentar eine überlegte, sparsame Fütterung – dem Wald zuliebe.

Was ist mit den österreichischen Bundesforsten los? Warum muss sich der Vorstand auf einem von der Tageszeitung Krone einberufenen Gipfel vor einer Riege von Jagdgranden rechtfertigen wie ein Schulbub vor versammelter Lehrerschaft? Was hat der größte Waldbesitzer Österreichs angestellt? Ganz einfach: Er hat den Jägern die Deutungshoheit über die Fütterung als Essenz jagdlichen Tier- und Waldschutzes streitig gemacht. Und der heurige Winter bot ihnen die Chance, diese Hoheit zurückzugewinnen.

Moralische Pflicht?

Was denken Sie, wenn Sie im Wald einen Kadaver finden, den eines Rehs oder Hirschs? Die meisten von uns sehen ein Wildtier, das eines natürlichen Todes gestorben ist.

Für den konservativen Jäger hingegen ist Fallwild eine Ehrverletzung. Ein natürlicher Tod des Jagdwilds ist in seinem Weltbild nicht vorgesehen, deshalb ist es für ihn moralische Pflicht, Rot- und auch Rehwild zu füttern. Flächendeckend. Bedingungslos. "Es muss Gesetz werden: Wo Wild gejagt wird, muss auch gefüttert werden", forderte etwa Bundesforste-Kritiker Martin Prumetz in der Krone. Doch es war bereits strenges Gesetz, jahrzehntelang, und wurde aus gutem Grund gelockert. Denn die Wildfütterung ist Gift für Wild und Wald.

Trophy-Hunting-Lifestyle

Gift kann heilen. Das wohl stärkste in der Natur vorkommende Gift – Botulinumtoxin – hilft bei Muskelkrämpfen, Migräne, Analfissuren und anderem mehr. Ebenso können sensible Waldbereiche und auch Wildtiere von einer bedachtsam eingesetzten Fütterung profitieren. Doch das ist nicht der Regelfall – nur regelmäßig ein Vorwand.

Ähnlich wie Botox heute vorwiegend als Anti-Falten-Wundermittel im Anti-Aging-Lifestyle eingesetzt wird, dient die Fütterung vor allem dem Trophy-Hunting-Lifestyle. Die Wirkung ist in beiden Fällen alles andere als heilend. Botox fördert einen gesellschaftlichen Jugendwahn, der uns nahelegt, wir dürften nicht altern. Psychologen, die die Folgen der botoxischen Faltenphobie behandeln, fordern deshalb, den Menschen nicht auf ein käufliches Modeprodukt zu reduzieren.

Gleicherweise fördert die Fütterung einen Trophäenkult, der so extrem ist, dass aus Sicht der Jagdinquisitoren sogar Weidgerechtigkeit, Jägertradition und das Ansehen der Jägerschaft davon abhängig sind. Das Geweih als Maßstab der Selbst- und Fremdakzeptanz ist nicht nur Erinnerung an die Jagd, sondern das Ziel, die Jagd auf hochgefütterte Trophäenträger, ist längst ein käufliches Modeprodukt.

Kollateralschäden am Wald

Die Kosten trägt der Wald(besitzer). So wie eine Alm übernutzt wird, wenn zu viel Vieh aufgetrieben wird, verursacht zu viel fütterungsansässiges Wild Schäden am Wald. Schäden? Alles nur Propaganda der Forstleute, meinen Jäger, die gleichzeitig zugeben, Verbissschäden gar nicht eindeutig zu erkennen. So manch geweihliebender Hirschflüsterer pfeift auf den Wald, ganz besonders auf den, der jemandem anderen gehört. Jagdpächter nehmen die Kollateralschäden ihrer fütterungsbasierten Trophäenjagd wortwörtlich in Kauf, sie zahlen dafür.

Doch so wie Viehzüchter lebende Tiere und nicht finanzielle Entschädigungen für Wolfrisse brauchen, brauchen Waldbesitzer lebende Bäume und Waldverjüngung, nicht Wildschadenszahlungen. Deshalb haben Grundbesitzer, die einen gesunden, vitalen Wald an die nächste Generation weitergeben wollen, die Fütterung schrittweise eingestellt. Die Prophezeiungen von Massensterben und massiven Waldschäden haben sich nicht bewahrheitet.

Falsche Tierliebe

Im Gegenteil: Die Kondition von Reh- und Rotwild hat sich verbessert, die Schäden in den immer noch wildreichen Wäldern sind zurückgegangen. Nachweislich. Doch die Beweise dieser abtrünnigen Wildbewirtschafter werden von Fütterungsdogmatikern angezweifelt, diskreditiert und ignoriert. Ignorieren geht allerdings nicht, wenn selbst der größte Waldbesitzer den Glaubenssatz von der absoluten Notwendigkeit der Fütterung opfert, um die Funktionen des Waldes sicherzustellen: Nutzung und Schutz (vor Lawinen, Erosion, Muren) und Wohlfahrt (vor allem als Wasserspeicher). In unser aller Interesse.

Jeden Winter (auch heuer) verfüttern die Bundesforste 9000 Tonnen Heu in ihren Wäldern, aber nur dort, wo es sinnvoll ist, und nicht mehr überall dort, wo es möglich ist. Das ist bereits Häresie, da reagiert die reaktionäre Jägerschaft sensibel. Der heurige schneereiche Winter war nun eine gute Gelegenheit, die Bundesforste an den medialen Pranger zu stellen und mit Horrorszenarien ("Müssen tausende Wildtiere im Wald verhungern?") die Tierliebe der Bevölkerung zu mobilisieren. In Petitionen für eine intensive Fütterung traten gutgläubige Menschen unwissentlich für die Anliegen der Trophäenjäger ein – zum Schaden jener Tiere, die sie zu retten meinen.

Überlegte Wildtierfütterung

Denn der Preis für einen Winter am Futtertrog ist nachfolgend ein Leben unter unnatürlich starkem Jagddruck. In Österreichs Wäldern lebt nämlich so viel Rot- und Rehwild, dass der Verfassungsgerichtshof die Jagdfreistellung sogar für kleinste Flächen abgelehnt hat, weil die flächendeckende Bejagung für die Sicherstellung des Waldes notwendig ist und am Schutz des Waldes ein öffentliches Interesse besteht.

Allerdings: Für einen standortgerechten, sich verjüngenden Mischwald ist es wesentlich, dass eine Wildfütterung überlegt und sparsam eingesetzt wird. Das ist auch für die Jagd bedeutsam, da sie nur dann Zukunft hat, wenn sie nicht auf Kosten des Waldes und damit der Allgemeinheit geht – etwa durch mit Steuergeld finanzierte Lawinenverbauungen, die nötig sind, wenn der Wald fehlt. Zudem, was denken Sie: Sollten wir nicht auch geweihtragenden Wildtieren ein artgerechtes Leben erlauben, auch im Winter? (Karoline Schmidt, 14.5.2019)

Karoline Schmidt (Jahrgang 1962) ist freischaffende Wildbiologin. Sie studierte Zoologie und Humanbiologie an der Universität Wien und forscht seit mehr als 30 Jahren im Spannungsfeld Wildtier – Mensch, unter anderem auch hinsichtlich des Einflusses der Winterfütterung auf die Populationsökologie von alpinen Rothirschen.