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Flüchtlinge als Erntehelfer: Wer will sie?

15. Mai 2019, 06:00

Das Arbeitsmarktservice versucht seit Jahresbeginn, Flüchtlinge verstärkt an die Landwirtschaft zu vermitteln. Die Betriebe sind skeptisch, das Interesse der Arbeitslosen scheint begrenzt

"Nummer 42, bitte eintreten. Nummer 43. Nummer 43." Alle paar Minuten geht eine Tür auf, und ein AMS-Betreuer ruft den Wartenden auf dem Gang eine Zahl zu. Es ist Dienstagmorgen, und es findet gerade eine Premiere statt.

Erstmals veranstaltet das AMS Wien eine Jobbörse, um anerkannte Flüchtlinge und subsidiär Schutzberechtigte an landwirtschaftliche Betriebe zu vermitteln. Rund 100 Jobsuchende sind gekommen. Die meisten stammen aus Syrien. Sie sollen als Erntehelfer, Traktorfahrer, als Forst- und Waldarbeiter vermittelt werden.

Was hier passiert, ist Ausdruck politischen Willens. Im Dezember 2018 hat das AMS österreichweit seine neuen Zielvorgaben bekommen. Eine davon lautete, die Vermittlung von Flüchtlingen in den kommenden zwölf Monaten auf überregionale Arbeitsplätze und in der Landwirtschaft zu fördern. 9.230 solcher Jobaufnahmen soll das AMS 2019 zusammenbringen.

Der diesbezügliche Wunsch kam von Sozialministerin Beate Hartinger-Klein (FPÖ). Die Vorgabe ist ambitioniert. Die Zahl entspricht fast einem Drittel aller beim AMS gemeldeten Flüchtlinge. Hinzu kommen weitere Schwierigkeiten. Die Vermittlung von Jobsuchenden an die Landwirtschaft ist traditionell schwierig. Die Branche bietet für die meisten Menschen keine interessanten Perspektiven: Die Jobs sind oft auf zwei oder drei Monate befristet. Die Arbeit ist im Vergleich schlecht bezahlt und hart. Wie also kommt das AMS mit der Vorgabe aus dem blauen Ministerium zurande?

Drei interessierte Unternehmen

Auffallend bei der Jobbörse in Wien am Dienstag ist zunächst das beschränkte Interesse von betrieblicher Seite. Gerade drei Unternehmer suchen via AMS bei der Börse nach Personal unter Geflüchteten – darunter ein Forstbetrieb, ein Gemüse- und ein Tomatenbauer. Die erste Agrar-Jobbörse des AMS Wien richtet sich zwar nur an landwirtschaftliche Betriebe in der Hauptstadt, nicht aber an die Unternehmen in den Bundesländern. Immerhin wurden in Wien 300 Landwirte und Forstbetriebe angeschrieben. Warum kamen also nur drei von ihnen?

Gerlinde Buchsbaum vom AMS Wien sagt, dass manche der Unternehmer mit dem AMS in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht hätten. Wenn das Arbeitsmarktservice Jobsuchende für Vorstellungsgespräche oder Probetage bei Landwirten vermittelt habe, seien viele von ihnen nicht aufgetaucht. Das habe Unternehmer frustriert. Um mehr Verlässlichkeit zu schaffen, gibt es nun die Jobbörsen: Arbeitslose und Unternehmer sollen einander kennenlernen.

Überschaubarer Bedarf

Hinzu kommt noch ein anderer Faktor, der das mangelnde Interesse der Agrarbetriebe erklärt. Der Bedarf an Arbeitern ist aktuell überschaubar. Landwirte in Österreich rekrutieren ihre Erntehelfer in Osteuropa, meist in der Ukraine. Die Bauern haben seit dem Frühjahr 2018 beklagt, dass zu wenige Erntehelfer aus Nicht-EU-Staaten zugelassen werden.

Mit Erfolg: Das Sozialministerium hat am 19. April eine neue Verordnung herausgegeben. Die Zahl jener Saisonarbeitskräfte, die aus Drittstaaten kommen dürfen, blieb zwar übers Jahr gerechnet fast gleich. Doch dafür gibt es nun eine Sonderregel. Um Saisonspitzen abdecken zu können, dürfen Bauern für eine begrenzte Zeit um bis zu 20 Prozent mehr Erntehelfer ins Land holen als vorgesehen. Damit lasse sich viel vom Bedarf abdecken, heißt es bei der Landwirtschaftskammer. Das Sozialministerium dürfte damit die Umsetzung seiner Zielvorgaben bei den Geflüchteten erschwert haben.

Um Abhilfe zu schaffen, will das AMS einen Kniff nutzen. Landwirte, die Arbeitskräfte aus Drittstaaten wollen, müssen zuerst bereit sein, Geflüchtete aufzunehmen und an Agrar-Jobbörsen teilnehmen. Erst wenn das nicht klappt, bekommen sie Genehmigungen für Ukrainer. Diese Vorgehensweise ist geltendes Gesetz, wird aber strikter praktiziert.

Der enttäuschte Gemüsebauer

Und was sagen die Flüchtlinge? Einige Syrer erzählen, dass sie schon in der Heimat als Agrarhelfer gearbeitet hätten. Sie sagen, sie seien bereit, wieder Tomaten zu pflücken. Andere zeigen wenig Interesse, haben schon Atteste von Ärzten dabei, um keinen Job annehmen zu müssen. Rudolf Elnrieder, Wiener Gemüsebauer, hat acht Bewerbungsgespräche geführt. Er sucht unbedingt jemanden mit Führerschein, nur ein Syrer, Mitte 30, sei für ihn infrage gekommen. Daraus wird aber nichts. "Er hat davon gesprochen, dass er immer Kreuzweh hat und die Arbeit gar nicht machen kann. Das ärztliche Attest dazu will er sich erst besorgen. Was soll ich da noch sagen?", so Elnrieder.

Weitere Agrar-Jobbörsen

AMS-Chef Johannes Kopf spricht von einem "schwierigen Prozess", sagt aber auch: "Es gibt durchaus Potenzial, niedrig qualifizierte Geflüchtete in landwirtschaftliche Betriebe zu vermitteln." 9.230 Arbeitsaufnahmen soll es bis Jahresende geben, bis Ende März hat man 2.307 geschafft. Dem AMS hilft, dass laut Zielvorgabe auch alle Flüchtlinge, die überregional einen Job annehmen, hier eingerechnet werden. Das macht den Löwenanteil der Zahl aus.

Richtig ist aber auch, dass das AMS in den kommenden Monaten seine Bemühungen intensivieren will. In Wien-Simmering findet am Mittwoch eine Jobbörse für dem Agrarsektor mit deutlich mehr Unternehmen aus Niederösterreich statt. Von ähnlichen Jobbörsen in Oberösterreich gibt es zudem gute Erfahrungen, erzählen Beteiligte, dort soll es zu konkreten Jobvermittlungen gekommen sein.

Integrationsexpertin kritisch

Integrationsexpertin Judith Kohlenberger ist dennoch skeptisch. Die Erfahrung zeige, dass bei Flüchtlingen Qualifizierungsmaßnahmen oder die Anerkennung erworbener Bildungsabschlüsse oberste Priorität sein sollten. Die Menschen in Jobs für wenig Qualifizierte zu drängen koste die Staaten langfristig sogar mehr, weil die Betroffenen die Arbeitsplätze meist immer wieder verlieren und langfristig nur schwer Fuß fassen können.

Ähnlich sieht es auch Gernot Mitter von der Arbeiterkammer, der die Arbeitnehmer im Verwaltungsrat des AMS vertritt. Für einige Flüchtlinge könne der Jobeinstieg via Landwirtschaft gelingen. Dass die Vermittlung an Agrarbetriebe nun im Wesentlichen die einzige politische Vorgabe ans AMS ist, was Geflüchtete betrifft, hält Mitter für einen großen Fehler. "Zumal die Mittel für das Integrationsjahr von der Regierung gestrichen wurden, in dessen Rahmen breite Qualifizierungsmaßnahmen vorgesehen waren."

Anders fällt die Beurteilung von Martin Gleitsmann aus, der die Wirtschaftskammer im AMS vertritt. Die Zahl der arbeitslos gemeldeten Flüchtlinge ist im April zum ersten Mal seit 2015 wieder gesunken. Dazu habe auch die Strategie der Regierung beigetragen, etwa indem die überregionale Vermittlung von Jobsuchenden forciert werde. Selbst wenn insgesamt nur wenige Flüchtlinge bei Agrarbetrieben unterkommen, "sind auch die kleinen Dinge wichtig", so Gleitsmann. (András Szigetvari, 15.5.2019)