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Herr Hasenhüttl zwingt das Glück

Porträt |
15. Mai 2019, 10:14

Seit Dezember ist Ralph Hasenhüttl erster österreichischer Trainer in der Premier League und hat Southampton vor dem Abstieg gerettet. Das war kein Zufall

Früher war es leichter, Ralph Hasenhüttl zu erreichen. "Ja", sagt der 51-Jährige und lacht. Er wirkt entspannt, vielleicht gelöst, die vergangenen Wochen waren anstrengend. Es sind die Tage danach. Die Saisonen in Fußball-Europa sind in den Showdowns. In England ist alles entschieden. Hasenhüttl steigt nicht ab. Seit Winter ist er Trainer beim FC Southampton und damit der erste österreichische Coach in England überhaupt. Als der Steirer am 5. Dezember 2018 das Amt bei den Saints übernahm, standen neun Punkte aus 14 Spielen auf dem Konto. Akute Abstiegsgefahr also. Southampton liegt im Süden Englands, bis zu Hasenhüttls Antritt auch gnadenlos südlich in der Tabelle. Die Stadt ist typisch englisch, typisch Hafen, recht klein, also eh ganz herzig. 1912 legte aus dem Hafen die Titanic ab.

Auf der Insel.
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Trotz seiner 191 Zentimeter Körpergröße ist der gebürtige Grazer abseits des Fußballfeldes ein Understatement. Er spricht ruhig, aber nicht gelangweilt, hört zu und drischt keine Phrasen. Dialekt hört man gar keinen mehr, dafür ist Hasenhüttl schon zu lange weg aus Österreich. Southampton ist weit weg von Graz. Und auch von Leoben. Am 31. August 1985 wird dort beim Stand von 0:6 für den GAK gegen DSV Alpine in der 86. Minute ein 19-jähriger Stürmer eingewechselt. Es sollte noch ein Tor fallen, Hasenhüttl erzielt es nicht.

Prohaskas Erinnerung

Der Angreifer wechselt 1989 nach Wien zur Austria. Unter Herbert Prohaska wird man dreimal Meister. Hasenhüttl spielt, trifft, möchte aber mehr. Prohaska erinnert sich: "Der Hasi war einer der besseren Stürmer in Österreich. Aber wir spielten ein 3-5-2-System, und ich hatte fünf gute Stürmer. Da war nicht immer Platz." "Hasi" kommt von Hasenhüttl. Man kann es sich nicht immer aussuchen. Dem nicht genug, etablierte "Hasi" die "Hasi-Rolle". Sein Torjubel, ein Rad, bei dem die Körperspannung oft zur Nebensache wurde. Das erinnerte zuweilen an Gebalze am Strand von Lignano.

Die Rolle in der Schlussphase.
guenter eausl

Sei's drum: Hasenhüttl traf und "rollte" damit oft, für die Austria gleich 57-mal. "Er war ein intelligenter Spieler mit einem starken Schuss und überdurchschnittlich schnell. Das konnte man durch seine Größe nicht sehen. Vor allem aber war er menschlich eine Bereicherung", streut Prohaska noch heute Rosen. Eklats gab es quasi keine: "Einmal musste er eine Geldstrafe zahlen, weil er zu spät zu einem Leistungstest in die Südstadt kam. Die Ausrede 'Stau auf der Tangente' konnte ich nicht gelten lassen. Er musste zahlen."

"Hasis" Karriere rollte weiter. 1994 wurde er noch mit Austria Salzburg Meister, bevor er ins Ausland (Belgien, Deutschland) ging. Die letzte Station war die zweite Mannschaft des FC Bayern. "In Österreich wollte mich niemand mehr", sagt er heute.

Im Niemandsland

Schon ein Jahr nach seinem Ende als Aktiver ist er in der bayerischen Provinz bei Unterhaching Co-Trainer von Werner Lorant. Später übernimmt er den Chefposten. 2009 verpasst man den Aufstieg aus der neuen dritten Liga nur knapp. An den Ambitionen sollte er scheitern, Unterhaching ist in der Saison darauf im Niemandsland, der Trainer muss gehen. Hasenhüttl geht zum abstiegsgefährdeten VfR Aalen, steigt in die zweite Liga auf, hält sich dort.

Nächste Station: Ingolstadt. Er schafft sensationell den Aufstieg in die Bundesliga. Mit dabei ist auch der Österreicher Lukas Hinterseer: "Auf dem Platz wurde gepresst, als gäbe es kein Morgen. Wir waren wie elf Hunde, die dem Ball nachjagten", sagte der Angreifer der englischen "Sun". Hasenhüttls Fußball nervt vor allem die Gegner. Er nennt es das "Arbeiten gegen den Ball" oder Gegenpressing, also das permanente Frotzeln bei gegnerischem Ballbesitz. Dann wird schnellstmöglich umgeschaltet. Der Weg zum Tor ist das Ziel, die "Hasi-Rolle" um jeden Preis. Das ist anstrengend., aber erfolgreich.

An der Seitenlinie ist Hasenhüttl kein Understatement. Er ist aktiv, ballt die Fäuste, ein emotionaler Trainer. Aber kein krampfhaftes Rumpelstilzchen. Nach Ingolstadt geht es 2016 zu RB Leipzig. Mit den Ostdeutschen wird er Zweiter hinter den Bayern und qualifiziert sich für die Champions League. Hasenhüttl ist nun wer, wird immer wieder mit Großklubs in Verbindung gebracht. 2018 verlängert er seinen Vertrag nicht und nimmt sich eine Auszeit: "Das war wichtig", sagt er.

Nach Leipzig die Auszeit.
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Klopps Erklärung

Ab Dezember 2018 ist er Teammanager, bei Southampton. Die Suchmaschinen in Südengland glühen, von der "Hasi-Rolle" hat man noch nichts gehört. Liverpool-Coach Jürgen Klopp erklärt bei einer Pressekonferenz: "Hase means rabbit, Hüttl means nothing." Die englischen Journalisten sind dankbar. Auch weil Hasenhüttl Lockerheit beweist, Sprüche klopft ("If you want guarantees buy a washing machine") und sich sympathisch gibt.

Das erste Spiel geht verloren. Dann beginnt das System zu greifen. Er setzt auf junge Spieler, implementiert seinen Fußball. Southampton gewinnt unter anderem gegen Arsenal und Tottenham und fixiert am 33. Spieltag den Klassenerhalt. In England googelt ihn niemand mehr, stattdessen singen sie im St. Mary's Stadium: "Last Christmas, I gave you my heart but the very next day you gave it away! This year, to save me from tears, I'll give it to Hasenhüttl." (Andreas Hagenauer, 15.5.2019)

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