Foto: Frederick Elmes / Focus Features

Jim Jarmuschs Cannes-Opener "The Dead Don't Die"

15. Mai 2019, 18:18

Der Film aus dem Zombie-Genre sucht die Komik des Fatalismus, das Ergebnis ist eher mau

An irgendetwas können sich sogar Zombies erinnern. Ein tief im Inneren gespeicherter Reflex, der sich für immer im Körper verfestigt hat. So kommt es, dass die Untoten in Jim Jarmuschs The Dead Don't Die in Neigungsgruppen durch die Straßen der Kleinstadt Centerville stolpern. Die einen stehen vor der Apotheke und rufen nach "Xanax!", dem Beruhigungsmittel; die verunstalteten Knirpse streunen durch ein Zuckerlgeschäft ("Candy!"), andere wieder stammeln, noch im Jenseits das leuchtende Smartphone in der Hand: "WLAN!"

Die Sequenz aus dem diesjährigen Eröffnungsfilm in Cannes ist Gag-mäßig schon eine der gelungensten. Der 66-jährige US-Regisseur lebt seine Liebe zu lakonisch gereichten Pointen diesmal recht ungeniert aus. Ähnlichkeiten zur zeitgenössischen Wirklichkeit sind in dieser Horrorkomödie durchaus erwünscht. Festivaldirektor Thierry Fremaux wies schon in der Pressekonferenz auf den "Anti-Trump"-Faktor von The Dead Don’t Die hin und meinte, dass Jarmusch mit dem Kurs seines Landes hadern würde; so etwas hört man in Frankreich immer gerne.

Proletarier der Gräuelwesen

Ganz so viel ist Jarmusch dann aber doch nicht eingefallen. Dabei hat sich gerade der Zombie, dieser Proletarier unter den Gräuelwesen, für zeitgenössische Interpretationen immer besonders gut einspannen lassen. Diesmal kehren die Untoten aus ihren Gräbern zurück, weil die Erde aus dem Takt geraten ist und die Tage immer länger werden. Das beständige Leugnen des Klimawandels, die vielen Fake-News: Hier zeigt sich das hässliche Resultat. Iggy Pop ist einer der ersten, der sich im Diner in einen Bauch verbeißt und hernach eine Ladung Kaffee ins Leere schüttet.

Leblos sind in The Dead Don’t Die allerdings auch die anderen Protagonisten. Bill Murray, Adam Driver und Chloe Sevigny verkörpern die Cops, die dem teuflischen Treiben ratlos gegenüberstehen. Während Driver unaufhörlich wiederholt, dass alles böse enden wird, und dabei mit keiner Wimper zuckt, häuft sich bei Murray im Zeitlupentempo Ärger an. Dazu läuft immer wieder Sturgill Simpsons Country-Titelsong. Etwas mehr Initiative in der Gegenwehr zeigen Steve Buscemi (mit "Keep America White Again"-Baseballkappe) als mieselsüchtiger Bauer sowie Tilda Swinton, die das Bestattungsinstitut führt, nebenbei jedoch virtuos japanischen Schwertkampf praktiziert.

Ein Trailer für The Dead Don't Die.
kinocheck

Jarmusch muss wohl so etwas wie eine Komödie über den Fatalismus der Gegenwart im Sinn gehabt haben. Die Welt verdüstert sich, aber die Menschen wissen keine Antwort auf die drohende Apokalypse. Also machen sie sich nicht viel vor. Und Jarmusch tut es genauso, indem er seine stilistischen Vorlieben trainiert, Zen-Übungen aus längeren Fahrten und supertrockenen Dialogen. Irgendwann dient dann sogar das Drehbuch als Ausrede für die Loops und den Stottermodus des Films. Aber gegen ihren Schöpfer Jarmusch rebellieren, das riskieren die Figuren dann auch nicht.

In Only Lovers Left Alive hat Jarmusch 2013 schon auf zwingendere Weise auf ein Horrorgenre zurückgegriffen und den Vampir-Mythos für seine eigenen Idiosynkrasien benützt. Da wurde der Fluch des ewigen Lebens zur Gelegenheit, all den schönen Dingen (Bücher! Musik! Filme!) noch einmal die Ehre zu erweisen. In The Dead Don’t Die hat er zwar auch etliche Verweise auf die Filmgeschichte eingebaut, aber diesmal bleiben sie Zierat, das sich mit keiner Emotion zu füllen vermag.

Tom Waits als Waldschrat

Vielleicht liegt der Schlüssel zum Film ja bei dem Eremiten, den Tom Waits verkörpert. Der Waldschrat beobachtet die verstörenden Vorgänge aus der Ferne, zieht jedoch stets die richtigen Schlüsse aus seinen Naturbeobachtungen. Eine Eigenschaft, die seinen Mitmenschen abhanden gekommen ist.

In Cannes kann man sich inzwischen mit der Frage beschäftigen, was die Mehrheit der durch die Kleinstadt treibenden Filmmenschen sagen würde, wenn sie als Zombies wiederauferstünden. "Movies!", oder doch viel eher: "Money!" (Dominik Kamalzadeh aus Cannes, 16.5.2019)