Architekt I. M. Pei: Besessen von Licht und Form

24. Mai 2019, 14:03

Am 16. Mai starb der chinesisch-amerikanische Architekt I. M. Pei. Die Louvre-Pyramide in Paris bezeichnete er als das wichtigste Projekt seines Lebens

Einfach nur schrecklich! Mitten ins Museum so eine Pyramide hineinzustellen, das ist dumm und auch dreist! Und das von einem Amerikaner, einem Barbaren aus Übersee! Die Stimmen in der Bevölkerung, als das Projekt 1982 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, waren mäßig freundlich. Die französische Presse bezeichnete den Entwurf als "Annex zu Disneyland", als "Akt der Willkür", als "gigantische Spielerei". Eine nationale Umweltorganisation wollte das Skandalbauwerk mitsamt Architekten sogar am liebsten dorthin schicken, wo es hingehöre – in die Wüste.

Der Architekt selbst erinnerte sich in einem Dokumentarfilm, während er über die Baustelle schritt und in die riesige Baugrube des Louvre blickte: "Auch meine eigene allererste Reaktion damals war: Man kann doch nicht den Louvre anfassen! Das darf man einfach nicht tun! Ich habe es trotzdem getan." Und zwar als erster ausländischer Architekt überhaupt, der am Louvre Hand anlegen durfte. Warum gerade eine Pyramide? "Weil Pyramiden in der Geschichte Frankreichs eine große Rolle spielen. Aber ich muss gestehen: Als ich meinen Entwurf zum ersten Mal dem nationalen Gremium präsentiert habe, war ich sicher, dass ich damit rausfliegen werde."

Traum erfüllte sich

Die Geschichte hat die Franzosen eines Besseren belehrt. Die unterirdische Erweiterung des Louvre, die das klassizistisch-barocke Museum aus dem 17. und 18. Jahrhundert im Westen um längst überfällige Ausstellungsflächen bereichert und einen neuen, zentralen Haupteingang im Napoleonhof zwischen Nord- und Südflügel schafft, gilt bei seiner Eröffnung am 29. März 1989 als eines der modernsten und radikalsten Bauwerke Europas. Die Lobeshymnen der Franzosen und Architekturkritiker übertreffen einander. Heute ist die gläserne Pyramide des Louvre, eines der sogenannten "Grands Projets" aus der Ära François Mitterrand, kaum noch aus dem Stadtbild wegzudenken.

Letzte Woche ist deren Erbauer, der chinesisch-amerikanische Architekt I. M. Pei, im hohen Alter von 102 Jahren in Manhattan gestorben. Das teilte sein Büro Pei Cobb Freed & Partners, in dem er bis zuletzt regelmäßig zu Besuch war, um bei den großen Projekten mitzuzeichnen und mitzudiskutieren, der Presse mit. Ieoh Ming Pei ist 1917 in Kanton, dem heutigen Guangzhou, auf die Welt gekommen und hat schon in jungen Jahren, als er in Schanghai beim Bau eines 25-stöckigen Hotelhochhauses in die Baugrube blickte, davon geträumt, eines Tages Architekt zu werden.

Sein Traum erfüllte sich. 1935 reiste Pei in die USA, um zunächst in Philadelphia und später am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston Architektur zu studieren. Die Ausbildung empfand Pei, der immer schon danach trachtete, die Welt des Ostens mit jener des Westens zu verknüpfen, als konservativ und rückständig. Sein großes Vorbild war die Moderne. Seine wichtigsten Lehrer waren Marcel Breuer und Walter Gropius. Und einen zweitätigen Vorlesungsblock mit dem Großmeister Le Corbusier, der Ende der Dreißigerjahre das MIT besuchte, behielt Pei bis zuletzt als "die zwei wichtigsten Tage in meinem beruflichen Leben" in Erinnerung.

Wichtiges Sprungbrett

Nach dem Studium unterrichtete Pei an der Graduate School of Design und wurde Assistenzprofessor von Walter Gropius. An eine Rückkehr war in dieser Zeit, 1946, als in China ein Bürgerkrieg zwischen den Anhängern von Mao Zedong und Chiang Kai-shek ausgebrochen war, nicht zu denken. Kurz darauf erhielt Pei eine Einladung, Architektur- und Projektdirektor des New Yorker Immobilienunternehmens Webb & Knapp zu werden.

Sein Auftraggeber William Zeckendorf, dem er 14 Jahre lang treu blieb und unter dem er ein Architekturteam leitete, sollte sich als wichtiges Sprungbrett herausstellen. 1960 machte sich Pei selbstständig und gründete ein eigenes Büro, das in seinen umtriebigsten Tagen bis zu 300 Architekten angestellt hatte.

Zu den ersten Projekten zählen der Place-Ville-Marie Tower in Montreal (1962), das National Center for Atmospheric Research in Colorado (1967), die Dallas City Hall (1977), die John F. Kennedy Presidential Library in Boston (1979), ein Direktauftrag der verwitweten Jackie Kennedy sowie insgesamt 50 Flugkontrolltürme in den USA.

Der 240 Meter hohe John Hancock Tower in Boston, bei dem eine neue Glasfassadenkonstruktion um Einsatz kommt, wird ihm fast zum Verhängnis: Aufgrund einer fehlerhaften Montage lösen sich über einen längeren Zeitraum hinweg die Fensterscheiben und fallen zu Boden. I. M. Pei entgeht nur knapp dem finanziellen Ruin.

Pritzker-Preis für Architektur

"Dieses Projekt war sehr beschämend. Das war die dunkelste Stunde in meiner Karriere. So etwas erlebt man als Architekt nicht gern", wird sich Pei später erinnern. Doch er kratzt die Kurve, wird sogar mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet (1983) und plant in der Folge jene Bauten, für die er zu einem der einflussreichsten Architekten der späten Moderne gezählt wird – die National Gallery in Washington, D.C. (1978), die 72-stöckige Bank of China in Hongkong (1990), die Rock and Roll Hall of Fame in Cleveland (1995), das Deutsche Historische Museum in Berlin (2003), das Suzhou-Museum in Ostchina (2006) sowie das Museum Islamischer Kunst in Katar (2008), mit dem ihm der seit Jahrzehnten gesuchte Brückenschlag zwischen Ost und West unter internationalem Applaus gelingt.

Spätestens mit dem Bau der Louvre-Pyramide, die er selbst als das "wichtigste und komplexeste Projekt meines Lebens" bezeichnet, kommen Peis beide Leidenschaften Form und Licht zum Vorschein: "Manche sagen, ich sei besessen von Geometrie. Vielleicht bin ich das auch, denn Architektur ist nichts anderes als Geometrie in festen Formen. Aber noch viel wichtiger als die Geometrie ist das Licht. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das Licht der Schlüssel zur Architektur ist."

Nach 102 Jahren Lebenszeit und mehr als 200 realisierten Großprojekten hat I. M. Pei, der zuletzt, stets elegant gekleidet, in einem rollenden Stahlrohrstuhl durchs Leben fuhr, den Schlüssel zur letzten Tür gefunden. "In einem anderen Leben, wer weiß, werde ich wahrscheinlich Gärtner werden. Wie schön muss es sein, Gärten zu pflegen." (Wojciech Czaja, 24.5.2019)