So sind wir nicht? In mancher Hinsicht doch

Kolumne |
25. Mai 2019, 10:03

Bundespräsident Alexander Van der Bellen sprach in seiner Rede zur Regierungskrise der Bevölkerung Mut zu

Der Bundespräsident sagte "So sind wir nicht": zum Ibiza-Video und allem, was dazugehört. So sind wir nicht alle, könnte man ergänzen, aber viele schon. Aber fragen wir die Schriftsteller, wie wir sind:

"Ist es nicht die hoffnungsloseste und toteste aller Gewissheiten, unter einer Nation zu leben, die durch Schaden dümmer wird?" – Karl Kraus, 1920. Als ob er vorausgewusst hätte, dass es immer wieder Leute geben wird, die trotz allem eine rechtspopulistische bis rechtsextreme Partei wählen, und welche, die mit ihr eine Koalition schließen.

"Da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und lässt die andern reden!" – Franz Grillparzer, "König Ottokars Glück und Ende", 1825. Der Nationaldichter lässt den Österreicher mutig beginnen und dann lieber doch schweigen.

"Ich hab immer alles durchschaut ... auch a Regierungsmitglied, wann i mir's so anschau ... der is aa net anders, wie i. Und i kenn mi. So san de alle." – Merz/Qualtinger, "Der Herr Karl", 1961. Die Quintessenz eines gewissen österreichischen Politikverständnisses.

"Man hat uns Österreicher ein Volk von Phäaken genannt und hat uns damit als zwar liebenswürdige, aber zugleich auch als allzu unernste und genießerische Leute abfertigen wollen, die Gott einen guten Mann sein lassen und spielerisch in den Tag hineinleben. Das mag für manche Abschnitte unserer Geschichte gegolten haben (...) Indessen, welches Volk hätte solche Perioden nicht mitgemacht?" – Anton Wildgans, "Rede über Österreich", 1929. Wildgans arbeitete die Ambivalenz der Österreicher heraus.

"(...) alles ist miteinander verflochten, verwickelt, verknäuelt, alle sind untereinander irgendwie VERPACKELT, sodass nichts geradlinig gelöst werden kann. (...) es ist ein Land der Schattenboxer und Kulissenschieber. Jeder ERFOLG muss von vorneherein 'nicht mit rechten Dingen zugegangen sein'." – Gerhard Roth, "Das österreichische Wesen", 1987. Roth beschreibt ein wesentliches Charakteristikum der heimischen Mentalität.

"Der Österreicher ist durch nichts so leicht zu fangen, als wenn man ihm sagt: 'Du bist ein ungerecht behandelter, ein Getretener und Unterdrückter, ich aber werde kommen und dich aus deiner Not und deinem Elend befreien!' Mit dieser 'Masche' hat es schon der Hitler geschafft." – Erwin Ringel, "Neue Rede über Österreich", 1984. Ringel, der "Psychiater der Nation", löste das Rätsel des Erfolgs von rechtspopulistischen Scharlatanen.

Wenn einer in Österreich ein Bösewicht ist, dann ist er kein Richard III., kein Jago, dann ist es ein Nestroyschuft. Diese sind zwar zutiefst gemein und niederträchtig, aber ein gefälliger Regisseur kann sie unschwer zur komischen Figur machen, über die man lachen muss; dabei vergisst man, dass Komik Niedertracht nicht ausschließt, nur gefährlicher macht." – Inge Merkel, in den 80er-Jahren, als ob sie das Ibiza-Video gesehen hätte.

Sind wir so? Nicht ausschließlich, aber in vieler Hinsicht doch. (Hans Rauscher, 24.5.2019)