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Lebensmittelsicherheit – kein Grund zur Selbstgefälligkeit

Kommentar der anderen |
7. Juni 2019, 11:19

In Industrie- und Entwicklungsländern sterben jährlich 420.000 Menschen an durch Lebensmittel übertragenen Krankheiten. Es braucht eine stärkere Zusammenarbeit von Politik und Wissenschaft

Heute ist der erste Internationale Tag der Lebensmittelsicherheit. Bernhard Url von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit schlägt im Gastkommentar zwei Initiativen vor, um lebensmittelbezogene Risiken zu bewältigen.

In Europa gehen wir davon aus, dass unsere Lebensmittel sicher sind. Einer Eurobarometer-Umfrage zufolge, die von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) veröffentlicht wurde, ist die Hauptsorge im Lebensmittelbereich für vier von fünf EU-Bürgern nicht die Sicherheit. Das sollten wir feiern. Es wurden enorme Fortschritte erzielt und wichtige Vorschriften, Standards und Hygieneregeln vereinbart, die der großen Mehrheit der Europäer Vertrauen in die Lebensmittel auf ihren Tellern vermitteln.

Auch für die Größe und den Erfolg des Lebensmittelsektors und des Exportmarkts der EU ist die Lebensmittelsicherheit von grundlegender Bedeutung. Die weltweite Nachfrage nach in der EU hergestellten Lebensmitteln beruht nicht nur auf unseren langjährigen Bräuchen und Traditionen, auch wenn dies wichtige Faktoren sind. Wir handeln weltweit mit Lebensmitteln, weil sie sicher sind und von unseren Handelspartnern als solche geschätzt werden.

Neue Risiken

Es besteht jedoch kein Grund zur Selbstgefälligkeit. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sterben in Industrie- und Entwicklungsländern jedes Jahr 420.000 Menschen an durch Lebensmittel übertragenen Krankheiten. Viele weitere leiden weltweit unter den Folgen der geschätzt 600 Millionen lebensmittelbedingten Krankheitsfälle. Besonders davon betroffen sind gefährdete Personengruppen – vor allem in Gebieten, die von Konflikten, Armut und Hunger heimgesucht werden – sowie wie Säuglinge, Frauen und ältere Menschen.

Gleichzeitig treten neue Risiken auf, die unser Lebensmittelsystem bedrohen und auf die wir reagieren müssen: Antibiotikaresistenzen, Umweltbelastungen durch Kunststoffe und andere Kontaminanten sowie neuartige Stämme von Tierseuchen wie Vogelgrippe und Afrikanische Schweinepest, um nur einige zu nennen. Ohne ein entschlossenes und koordiniertes Vorgehen könnten Antibiotikaresistenzen allein drastische Konsequenzen für die künftige Behandlung von Krankheiten beim Menschen sowie die dadurch anfallenden Gesundheitskosten haben.

Zwei notwendige Initiativen

Die Bedeutung der Lebensmittelsicherheit mit einem ihr gewidmeten Tag anzuerkennen ist ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Er unterstreicht die von Regierungen auf der ganzen Welt eingegangene Verpflichtung, Fragen der Lebensmittelsicherheit mit Vorrang anzugehen und das Bewusstsein für diese zu schärfen. Damit dieses Engagement Früchte trägt und die oben genannten Herausforderungen bewältigt werden können, sind meines Erachtens zwei wesentliche Initiativen erforderlich.

Zum einen muss die internationale Zusammenarbeit auf politischer Ebene stärker werden. In einer zunehmend vernetzten Welt macht es keinen Sinn, globale Fragen der Lebensmittelsicherheit mit kontinentalen, nationalen oder gar regionalen Maßnahmen anzugehen. Wir können besser und schneller auf grenzüberschreitende Lebensmittelkrisen sowie neu auftretende Risiken reagieren, wenn wir Hindernisse für den Austausch von Wissen, Daten und Expertise beseitigen. Unsere Erfahrungen bei der Efsa sind diesbezüglich positiv. Zusammen mit unserer Schwesteragentur, dem Europäischen Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), erstellen wir beispielsweise in kürzester Zeit Bewertungen zur Abklärung länderübergreifender lebensmittelbedingter Krankheitsausbrüche. Diese Zusammenarbeit trägt dazu bei, Leben zu retten und Leiden zu verhindern.

Rationale Entscheidungen

Zum anderen muss die Wissenschaft ins Zentrum der Lebensmittelsicherheitspolitik rücken und angemessen finanziert werden. In Europa hat sich die strikte Trennung zwischen der Risikobewertung durch wissenschaftliche Einrichtungen wie die Efsa und dem Risikomanagement seitens europäischer und nationaler politischer Entscheidungsträger als erfolgreich erwiesen. Sie stellt sicher, dass politische Entscheidungen in erster Linie auf rationalen Modellen beruhen, die ein besseres Verständnis der Komplexität von Risiken und der Umwelt, in der wir leben, schaffen. Das ist mit Kosten verbunden ‒ zumal die Komplexität mit fortschreitenden Innovationen und neuen Technologien stetig zunimmt. Ich möchte daher Regierungen und Verantwortliche für die Koordinierung von Forschungsförderung aufrufen, die Investitionen in Forschung und Entwicklung für Lebensmittelsicherheit zu erhöhen.

Wenn wir der Lebensmittelsicherheit die ihr zustehende politische Priorität einräumen, können wir zuversichtlich sein, dass wir die relevanten lebensmittelbezogenen Risiken bewältigen können – Risiken, die sowohl unsere Gesundheit als auch unsere Umwelt bedrohen. Damit leisten wir zugleich einen wichtigen Beitrag, um die Ziele der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung zu erreichen. (Bernhard Url, 7.6.2019)

Bernhard Url ist Geschäftsführender Direktor der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit in Parma, Italien.

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