Foto: Regine Hendrich

Papa kocht das Mittagessen

9. Juni 2019, 08:00

ER kümmert sich um den Haushalt, SIE verdient das Geld. Thomas und Tina Unger durchbrechen das traditionelle Rollenbild

"Mampa" nennen Anna und Rosalie ihren Vater, es ist eine liebevolle Mischform aus Mama und Papa. Sie gehen zu ihm, wenn etwas wehtut, sie Schokolade wollen oder wenn sie streiten. Das liegt daran, dass Thomas Unger seit vier Jahren bei den Mädchen zu Hause ist. Er weckt die Drei- und die Vierjährige morgens auf, flechtet ihre Haare zu Zöpfen, fährt sie zum Kindergarten. Er kocht und räumt auf, während seine Frau Tina im Gymnasium unterrichtet.

Für das Paar ist das die perfekte Aufteilung. So haben sie mehr gemeinsame Zeit. "Ich habe fast nur vormittags Schule und bin gegen 14 Uhr wieder da. Hätte Thomas voll weitergearbeitet, wäre er immer erst um 17 Uhr zu Hause und würde hier fehlen", sagt Tina. Dass sie weiter arbeiten ging, hatte aber noch andere Gründe. "Der Taschenrechner: Sie verdient mehr", sagt Thomas. Zuletzt hat der gelernte Installateur im Lager eines Bauteilezulieferers gearbeitet. Als Tina schwanger war, war für ihn klar: "Ich gehe in Karenz." Bei beiden Töchtern.

Die Ausnahme

Damit ist Thomas die Ausnahme: In Österreich geht lediglich jeder fünfte Vater in Karenz. Und das meist für kurze Zeit, denn nur rund vier Prozent des ausbezahlten Kinderbetreuungsgelds gehen aktuell an Männer. Wie viele die Karenz ganz übernehmen, dazu gibt es keine Zahlen. Vom Institut für Familienforschung heißt es aber, dies sei "äußerst selten".

Thomas und Tina Unger mit Anna (4) und Rosalie (3) in ihrem Haus in Zistersdorf, Niederösterreich.
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Die Gründe, die Paare veranlassen, die klassischen Rollen umzudrehen, sind ganz unterschiedlich, sagt Martina Lackner. Die Psychologin ist Mitherausge berin des Buchs Männer an der Seite erfolgreicher Frauen. "Viele meinen in den Interviews, die Aufteilung sei einfach so passiert." Bei den meisten Paaren spielten (wie bei Tina und Thomas) allerdings finanzielle Überlegungen eine Rolle. "Der eine kommt in eine Position, in der er mehr verdient. Bei den von mir vorgestellten Paaren war das die Frau. Und der Mann ist eben nachgezogen."

Zielstrebige Frauen, selbstsichere Männer

Meist sei dies der Fall, wenn die Frauen eine klare Vorstellung von ihrer Karriere hätten. Wie im Fall der Familie Unger. Es war schon immer Tinas Ziel, als Lehrerin vor einer Klasse zu stehen: "Ich komme aus einer Lehrerfamilie, und meine Mutter, die übrigens auch nicht in Karenz war, hat mich früh in die Schule mitgenommen. Meine Großmutter war sogar Schulleiterin." Für Buchautorin Lackner ist das charakteristisch, wenn es um das Aufbrechen des traditionellen Rollenbildes geht: Das werde von Frauen forciert, die wissen, was sie wollen. "Sie suchen sich Partner aus, die bereit sind, sich dem anzupassen."

Diese Männer seien typischerweise sehr selbstsicher. "Sie halten es aus, dass ihre Frau erfolgreicher ist. Ihr Selbstwert ist nicht abhängig von Beruf oder Einkommen, sie tragen ihn schon in sich", meint Psychologin Lackner. "Einigen ist Karriere generell nicht so wichtig wie ihren Frauen. Andere finden auch in einer funktionierenden Familie so viel Sinn, dass sie den Job gerne hintanstellen." Das trifft auf Thomas zu. Er wirkt im Reinen mit sich, er bewundert Tina ganz offensichtlich für das, was sie macht. Und sie bewundert ihn.

Nicht immer konfliktfrei

Um nach dem Mutterschutz weiter unterrichten zu können, pumpte Tina Milch ab. Manchmal brachte ihr Thomas die Kinder auch zum Stillen in die Schule. "Emotional war das zuerst nicht einfach, weil man sich vorkommt, als ließe man das Baby im Stich", gibt die Lehrerin zu. "Außerdem gab es Schüler, die meinten, ich sei dick. Denen habe ich dann gesagt, dass eine Frau acht Wochen nach einer Geburt nun mal so aussieht." Tina erzählt auch, dass es für den Direktor zunächst ungewohnt gewesen sei, dass eine Frau nicht in Karenz gehen will. "Ich erwiderte, dass er mich einfach als männlichen Kollegen mit Kindern ansehen soll. Seitdem ist das Thema vom Tisch."

Wenn Mann und Frau die traditionellen Rollen tauschen, werden Vorurteile laut: Das berichten auch andere Paare, mit denen DER STANDARD gesprochen hat. Einige sagen, dass Familie und Freunde mit Unverständnis reagierten. Mütter bekamen zu hören, sie könnten doch nicht einfach ihr Kind abgeben. Und Väter wurden gefragt, ob sie es denn überhaupt alleine mit den Kindern schaffen. Im schlimmsten Fall hatte eine Väterkarenz gar berufliche Konsequenzen zur Folge. Ein Interviewpartner sagt, dass er nach einer ersten Auszeit einen schlechteren Job machen musste. Nach der zweiten sei er unter einem Vorwand gekündigt worden. Er brachte den Fall zur Gleichbehandlungsanwaltschaft.

Pragmatismus statt Diskussionen

Was alle befragten Paare sagen: Ein Rollentausch erfordert, dass Aufgaben neu aufgeteilt werden. Tina und Thomas gehen das ganz pragmatisch an. Anstatt zu diskutieren, überlegen sie gemeinsam: Wer kann was übernehmen? Wem liegt was mehr? Die Zuständigkeiten: Tina kümmert sich um das Finanzielle. Thomas füttert die zwei Hunde, gießt die Pflanzen, macht die Wäsche und kocht. "Ganz besonders gut kann er Braten", sagt Tina.

Thomas saugt Staub, während Aufwischen und Fensterputzen meist Tina übernimmt. "Immer kommt sie nicht dazu. Sie hat viel zu tun, das gute Geld kommt ja nicht von alleine", sagt Thomas. Während sie nachmittags in ihrem Arbeitszimmer die Hausaufgaben ihrer Schüler korrigiert, spielt er mit den Töchtern.

Pragmatismus statt Diskussionen bei Tina und Thomas Unger.
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"Ich glaube, dass diese Paare einen anderen Anspruch an Beziehung haben", sagt Psychologin Lackner. "Sie reiten nicht auf Problemen herum, sondern finden Lösungen, mit denen beide gut leben können. Beide sollen auf ihre Kosten kommen."
"Ich kann das wirklich empfehlen", sagt Tina über ihr Familienmodell. "Das sollten mehr Paare machen." Dafür müssten Frauen den Männern mehr zutrauen. "Viele denken leider: Die kann man ja nicht mit den Kindern alleine lassen." Die Männer müssten es sich aber auch selbst zutrauen, sagt Thomas. "Vielleicht finden sie es ja doch toll, mehr für die Familie zu tun und nicht bloß im Büro zu sitzen und das Geld ranzuschaffen."
Dass manche Männer besser im Haushalt als in einer Chefposition aufgehoben seien, glaubt auch Lackner. "Wir müssen wegkommen von dem Denken: Frauen machen den Haushalt und Männer Karriere. Eigentlich ist es doch wirklich egal, wer was macht, solange es für beide passt."

Ein emotionaler Gewinn

Frauen wie Männer sollten sich also frei entscheiden, nach ihren Wünschen und Neigungen. Was es braucht, damit das zur Wirklichkeit wird? "Männliche Vorbilder", sagt Lackner, "denn vieles fängt ja in den Köpfen an." Väter, die Hausmänner sein wollen, sollten zudem darin bestärkt werden, findet die Psychologin. "Aus diesen klassischen Rollen auszusteigen ist nicht einfach, weil die Identifizierung damit so stark ist. Männer müssen sich quasi eine neue Identität zulegen. Wer sind sie, wenn sie nicht mehr der Karrieremann sind?" Der Gewinn, sich stärker der Kinder anzunehmen, müsse zudem deutlicher werden. "Und ich bin fest davon überzeugt, dass es einen Gewinn gibt, nämlich einen emotionalen", so Lackner.

Zu den schönsten Momenten mit seinen Töchtern gehört für Thomas das Abendritual. "Wir essen, gehen Zähne putzen, um ziehen und dann Sandmännchen schauen. Wir singen das Lied mit, es wird ruhiger. Gegen halb acht geht es ins Bett. Ich sage den Mädchen gute Nacht, sie sagen: Schlaf du auch schön. Ich sage: Ich liebe euch. Und sie sagen: Wir lieben dich auch."

Ausbildung zum Kinderbetreuuer

Weil er herausgefunden hat, wie gut er mit Kindern kann, macht Thomas nun eine Ausbildung zum Kinderbetreuer. Damit kann er im Kindergarten als As sistent oder im Hort an einer Schule arbeiten. Am liebsten wäre ihm eine 20-Stunden-Woche. "Für mich wäre es schmerzhaft, bis spät abends zu arbeiten und meine Töchter kaum zu sehen." (Lisa Breit, 9.6.2019)

Hinweis:

Ab kommender Woche kommen im Karriereteil weitere Familien zu Wort, die sich die Kinderbetreuung halbe-halbe aufteilen oder bei denen der Vater alleine zuständig ist.