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Wie kann man nur mit diesen Leuten reden?

Kommentar der anderen |
9. Juni 2019, 08:00

Knittelfeld und Ibiza werden nicht zum endgültigen Niedergang der FPÖ führen. Es bedarf eines anderen Umgangs mit Rechtspopulismus

Die Filmemacherin Ulli Gladik und der Soziologe Manfred Krenn plädieren im Gastkommentar für Diskussionen mit politisch Andersdenkenden, die nicht rechthaberisch nur die eigenen Positionen bestätigen.

Wien-Hernals, Café Florida: Der Film "Inland" trifft hier Menschen, die vom Arbeitsmarkt zu früh aussortiert wurden, sich ungebraucht fühlen oder trotz Arbeit Altersarmut fürchten müssen. Ihre Erzählungen belegen, was Arlie Hochschild in ihrem vielbeachteten Buch über die Wählerinnen und Wähler von US-Präsident Donald Trump als die "Deep Story" bezeichnet: Das zentrale Versprechen des Kapitalismus, dass mit Leistung ein – wenn auch langsamer – sozialer Aufstieg zu schaffen ist, haben viele Menschen verinnerlicht. Sie sehen sich in einer Warteschlange am Fuße eines Berges. In dieser Warteschlange gibt es seit geraumer Zeit keine Bewegung mehr, sie verkürzt sich nicht.

Gleichzeitig meinen die Menschen wahrzunehmen, wie sich andere, etwa Migrantinnen und Migranten, vordrängeln, ohne sich hinten anzustellen. Das wird als unfairer Wettbewerb empfunden und ihr subjektives Gerechtigkeitsempfinden wird verletzt. Das Versprechen funktioniert nicht mehr. Das Vertrauen in die politischen Vertretungen schwindet. Im Café Florida hat man früher Rot gewählt. Heute wählt man Blau. "Damit sich die Arbeitsbedingungen wieder verbessern", hofft eine Besucherin.

Populistische Lücke

Die "Deep Story" erzählt aber nicht nur die Geschichte der Abgehängten und Aussortierten: Entfesselte Globalisierung, gesteigerte Konkurrenz, Flexibilisierungsdruck am Arbeitsplatz erzeugen auch bei Menschen in derzeit gut abgesicherten Lebensverhältnissen Ängste: "Werde ich den steigenden Arbeitsdruck bis zur Pension aushalten und wenn nicht, was dann?", lautet die Frage, die sich viele stellen. Die Gewerkschaft wird als zahnlos wahrgenommen. Ein Protagonist im Film hofft, dass sich bei einer FPÖ-Regierungsbeteiligung die rote Gewerkschaft "endlich wieder auf die Füße stellt". Er wählt Blau, damit die Roten stärker werden. Ein Widerspruch? Nein, sagt er: "Irgendwie muss man sich wehren".

Weil sich die Sozialdemokratie längst auf gut gebildete Aufsteigerinnen und Aufsteiger der digitalisierten Gesellschaft fokussiert, hat sich eine Repräsentationslücke aufgetan. Der Rechtspopulismus hat seine Chance. Er gibt vor, die Menschen zu verstehen, und füllt die Lücke mit rassistischen, nationalistischen und menschenverachtenden Inhalten.

Die einen fühlen sich durch die geschilderten Entwicklungen bedrängt und wenden sich in Ermangelung politischer Alternativen den Rechtspopulisten zu, während die anderen diese als Rassistinnen und Rassisten abstempeln. Letztere reproduzieren damit nicht nur auf der symbolischen Ebene die soziale Spaltung der Gesellschaft, die sie zu bekämpfen vorgeben, sondern vertiefen sie. "Wie kann man nur mit diesen Leuten reden? Das sind unsere Feinde!" – diese Reaktion auf den Film bestätigt die Diagnose.

Neue Wege einschlagen

Doch es braucht einen anderen Umgang mit dem Rechtspopulismus. Wir plädieren für eine Diskussion, die nicht rechthaberisch nur die eigenen Positionen bestätigt, sondern neue Wege auftut. Dies schließt den Dialog mit einem Teil der FPÖ-Wählerinnen und -Wähler ein. Man erinnere sich an das Motto des französischen Soziologen Pierre Bourdieu: "Nicht bemitleiden, nicht auslachen, nicht verabscheuen, sondern verstehen."

Um nicht missverstanden zu werden: Diesen Dialog zu führen heißt nicht, Zugeständnisse an rassistische Deutungsmuster oder dehumanisierende Migrationspolitiken zu machen, wie dies einige sozialdemokratische Politikerinnen und Politiker vorführen. Es heißt zunächst einmal nichts anderes, als den Dialog nicht bei der ersten fremdenfeindlichen oder rassistischen Äußerung abzubrechen, das Visier runterzuklappen und die moralische Keule auszupacken.

Die "Deep Story" verstehen

Wir halten die Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus für die entscheidende Frage des vor uns liegenden Jahrzehnts. Es geht darum, die darunterliegende Geschichte zu verstehen. Denn sie bleibt trotz der FPÖ-Skandale bestehen. Wenn wir an den ressentimentgeladenen Denunzierungsdiskursen festhalten, werden wir nicht nur die Anbindung dieser Wählerinnen und Wähler an die FPÖ verstärken. Die reale Gefahr besteht darin, dass wir über kurz oder lang in einem politischen System aufwachen, das auch konservative Politikerinnen und Politiker wie die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright beim Namen nennen: Faschismus.

Es braucht also nicht nur eine Politik, die die Auswirkungen des entfesselten Globalisierungskapitalismus ins Visier nimmt und bekämpft, sondern auch einen Dialog quer zu den segmentierten rechten und linksliberalen Enklaven unserer Gesellschaft. Sind wir dazu bereit? Das ist eine der entscheidenden Fragen der kommenden Zeit.

Rohe Bürgerlichkeit

Auch uns ist klar: Das Phänomen des Rechtspopulismus kann man nicht ausschließlich auf soziale Lagen und die "Abgehängten" reduzieren. Interessant wäre es, darüber zu reden, was der deutsche Soziologe Wilhelm Heitmeyer die "rohe Bürgerlichkeit" nennt: das Zusammenspiel von glatter Stilfassade, vornehm rabiater Rhetorik sowie autoritären, aggressiven Einstellungen und Haltungen. Aber sicher ist: Ohne die Lösung sozialer Fragen werden wir den Rechtspopulismus weder eindämmen noch loswerden. (Ulli Gladik, Manfred Krenn, 9.6.2019)

Ulli Gladik ist freischaffende Filmemacherin ("Global Shopping Village", "Natasha"). In ihrem aktuellen Dokumentarfilm "Inland" porträtiert sie Wählerinnen und Wähler der Freiheitlichen.

Manfred Krenn ist Soziologe und beschäftigt sich seit 20 Jahren auch im Rahmen von Studien mit dem Phänomen des Rechtspopulismus.

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