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Ronald Pohls "Mittel-Alter": Rote Urlauber und ein Kärntner Vogel namens "Ibissa"

Kolumne |
12. Juni 2019, 11:00

Früher rochen Sonnencremes nach Rindertalg und Sonnenbrände hielt man für lässliche Übergriffe auf die eigene Haut. Wirklich Rote fuhren nach Kärnten, nicht nach Rimini

Die wonniglichen Sommer der Ära Kreisky unterschieden sich rein graduell von den Hitzeperioden, die heute üblich geworden sind. Natürlich kannte man Ibiza noch nicht, das schmucke Eiland mit den Fincas voller Schnee. Man hielt es vielleicht für ein ungastliches Felsennest: vollgestopft mit Ziegen, die schmutzige Hufränder haben.

Babyboomer wie ich wurden ohnedies bereits Mitte Juni aus der Vorschule genommen, um mit den Eltern gen Italien zu brausen. Das Glück auf Erden hieß Cesenatico und lag unweit des adriatischen Badeortes Rimini. Hier, in der kilometerlangen Strandidylle, verwirklichten die Gründerväter der modernen Touristik das Ideal der Gleichheit. Ruhrpott-Familien schmorten einträchtig neben Proletariersippen aus dem zwölften Wiener Gemeindehieb. Dazwischen saßen Fiat-Arbeiter aus Forli in Badehosen, die ihnen beinah bis zum Hals reichten.

Diese durchwegs kommunistisch gesinnten Männer, deren Schnauzbärte traurig in den Sand hingen, studierten Walt Disney's Lustige Taschenbücher (auf Italienisch). Die Sonnencremes rochen noch nach Rindertalg und ähnelten dem frisch ausgelassenen Fett von Schlachttieren.

Völkerverbindende Kontakte

Es waren wir Kinder, die zwischen den Liegestuhlreihen rasch völkerverbindende Kontakte schlossen. Weil man es nicht besser wusste, ahmte man unter lautlicher Zuhilfenahme des Mundes den Gebrauch automatischer Schusswaffen nach. Das höchste Prestige unter den Kombattanten genoss, wer sich besonders malerisch in den heißen Sand fallen ließ.

Meine hinzutretenden Eltern versanken auch, vor allem aber vor Scham. Ihnen war gegenwärtig geblieben, dass Deutschsprechende den Italienern einst sehr viel Leid zugefügt hatten, oft hatten automatische Waffen dabei eine unheilvolle Rolle gespielt. Auch sonst waren sie krebsrot; aber nicht so sehr aus Verlegenheit. Sonnenbrände hielt man für lässliche Übergriffe auf die eigene Haut.

Wirkliche Rote wie Bruno Kreisky fuhren derweil zum Ausspannen nach Kärnten. Damals konnte man sich den Urlaub bei Freunden noch leisten. "Ibissa" hielt man bestenfalls für eine seltene carinthische Vogelart. (Ronald Pohl, 12.6.2019)